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Der Israelit · 1877-05-16 · Heft 20 (16.5.1877) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 20 (16.5.1877)
Date
1877-05-16
Page
– (sequence 11)
Language
German
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467 Da zeigte sich wieder ihre Dienerin in all ihrer Hingebung und Treue. Marie war es, die sie aufmerksam machte, daß ihre frühere Wohnung ja noch unbenutzt und vollständig eingerichtet. Marie war es, die Alles, was sie als Eigenthum ihrer Herrin kannte, zusammenraffte und in das Haus derselben schaffte, und endlich die wie in einem Traume sich Befindende sorgsam dorthin geleitete. Seit anderthalb Jahren hatte Dina diese Räume nicht betreten; das erste Wiedersehen derselben mußte sie ergreifen. Ein Strom von Thränen machte ihrem gepreßtem Herzen Luft. In diesem Hause hatte sie so viele Jahre des reinsten ungetrübtesten Glückes durchlebt, es war, als weile der Nachhall dieses Glückes noch hier; denn als die erste Erregung vorüber, erfüllte ein Gefühl von längst entbehrter Ruhe ihre Brust. Marie hatte es sich angelegen sein lassen, die so lange unbewohnten Zimmer zu lüften, zu säubern und in wohnlichen Zustand herzurichten und ordnete und sorgte für Alles. Dina ließ sie gewähren ohne drein zu reden, als sei jene Herrin des Hauses und sie nur ihr Gast. Träumerisch faß sie am Kamin und schaute in die prasselnden Flammen und jetzt erst trafen die letzten Worte ihres scheidenden Freundes befremdend vor ihre Seele. Er hatte ihre Vergebung erfleht, er, der so viel für sie gethan, dem sie so unendlich viel verdankte. — Fast war sie geneigt, diese Bitte um Vergebung als Folge der Erregung des Sterbenden zu betrachten, anzunehmen, daß er in jenem Momente schon nicht mehr ganz zurechnungsfähig gewesen; denn was konnte sie ihm zu vergeben haben — doch er hatte ja ausdrücklich hinzug-fügt, daß er sie betrogen, sie schmählich getäuscht — und so sehr sich Verzweiflung in seinen Zügen gezeigt, so wenig war sie im Grunde berechtigt, an seine Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln — aber unverständlich blieben ihr diese Worte. Marie entriß sie endlich diesen Grübeleien, sie, die für Alles sorgte, kam, um mit ihrer Herrin zu überlegen, wovon sie nunmehr ihre Bedürfnisse bestreiten werde. Daß Dina wenig baares Geld besitze, konnte sie vermuthen, und es war nun die Frage, ob sie einen Theil der Werthgegenstände veräußern, oder ob andere Hilfsquellen vorhanden. Dina hätte gern Alles dem Gutdünken der treuen Dienerin überlassen, doch diese wußte ihr die Nothwcndigkeit darzulegen, selbst die Leitung ihrer Angelegenheit zu übernehmen, sie mußte sich daher zusammenraffen. Nach einiger Ueberlegung kam sie zu der Einsicht, daß sie die Bedürfnisse des Augenblicks wohl zu decken im Stande, und daß es daher vorzuziehen, mit dem Verkauf ihrer Werthsachen zu warten, bis Simon heimgekehrt, von dessen Sachkenntniß und Theilnahme sie erwarten konnte, daß er ihr das Beste rathen werde. Doch für die Dauer würde auch dieser Erlös nicht genügen. Dina hatte wiederholt versichert, daß sie weder Arbeit noch Anstrengung scheue und Marie, die die Kunstfertigkeit ihrer Herrin schon oft bewundert, schlug daher vor, sie solle Stickereien verfertigen, deren Verkauf sie selbst besorgen wolle. Tina war mit Allem einverstanden und schon am folgenden Tage begann sie ihre Arbeit und so verstrich eine lange Zeit, traurig aber doch ruhig, jedenfalls glücklicher als die aufregenden Tage im Hause ihres Vetters. Sobald Simon heimgckehrt, besorgte er ihr den Verkauf ihrer Juwelen; auch ihre Arbeit wurde nicht allzuschlecht bezahlt und so konnte sie doch ohne Nahrungssorgen der Zukunft entgegensehen. Simones Anerbieten, in sein Haus zu ziehen und die Leitung seines Hauswesens so wie die Erziehung der kleinen Hanna zu übernehmen, hatte sie mit Dank aber entschieden abgelehnt. Ein Jahr war so verstrichen; Dina arbeitete fleißig. Sie war ruch nicht heiterer, aber sie war mittheilsamer geworden gegen Diejenige, die wie die treueste Freundin ihr zur Seite war; oft erzählte sie ihrer Marie von den Tagen ihres Glückes, und-da das Mädchen gewahrte, wiewohl es ihr that, der ihr entrissenen Theuren zu erwähnen, so brachte sie sie recht häufig auf dieses Thema. Es war au einem trüben Herbsttage, Dina hatte den Stickrahmen vor sich; die zunehmende Dunkelheit ließ sie jedoch kaum die Farben unterscheiden, sie ließ die Nadel fallen und versank in trübes Sinnen. Eben kam Marie heim, sie hatte eine Stickerei fortgetragen und brachte den Erlös. „Wie," rief sie mit gutmüthigem Zürnen, „noch am Rahm-.ni? Ihr werdet Euch wahrhaftig noch blind arbeiten und habt es doch, weiß Gott, nicht nöthig. Seht hier ist Geld, und hättet Jhrs gefordert, es wäre das Doppelte. Eure Arbeit ist ja ein wahres Kunstwerk; aber wie kalt Jhr's hier habt, das Feuer ist beinahe erloschen!" und dabei kauerte sie sich nieder am Kamin, häufle Scheiter auf einander und blies in die glimmenden Kohlen, bis die Flamme in die Höhe schlug. Dina zündete Licht an. „Weißt Du Marie," sprach sie in ihrem gewöhnlichen trüben Ton, „daß es gerade heute ein Jahr ist, daß mein Vetter gestorben?" „Schon ein Jahr? Wie geht doch die Zeit hin! Dann wird's in der kommenden Woche

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