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Der Israelit · 1877-05-16 · Heft 20 (16.5.1877) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 20 (16.5.1877)
Date
1877-05-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
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468 auch schon ein Jahr, daß wir wieder hier sind. Ich muß Euch was sagen; Euer Vetter hat ein schönes Haus gehabt, und es hat sich gut d'rin leben lassen, aber mir behagt's hier besser. Euch nicht auch?" Dina seufzte schmerzlich, ihr Blick glitt durch DaS einfache freundliche Zimmer, in d-'M sie einst des höchsten Glückes sich erfreut, doch ohne auf , Mariens Bemerkung einzugehen, sagte sie: „Alexanj der hat doch viel für mich gethan, ich muß seiner! stets mit Tank gedenken." , Marie zuckte die Achsel. „Das kommt noch darauf an" sagte sie. „Wie Du nur so reden kannst; aber mir scheint, Du warst nie gut auf ihn zu reden, und er war doch immer gut gegen Dich; in seinem Hause hast Du es weit besser gehabt als hier bei mir und hast Dich nicht so plagen müssen." „Na, was die Plagerei betrifft, so ist die hier bei Euch auch nickt so weit her, und satt bin ich bei Euch auch noch alle Tage geworden, denn Ihr verlangt doch nicht, daß ich Eure Fastenspeisen tagtäglich mitessen soll, und übrigens —" Sie stockte, Dina schien es jedoch nicht zu bemerken. „Sag' mir," Hub sie nach einigen Augenblicken träumerischen Nachdenkens an, „habe ich Dir schon einmal erzählt von den letzten Worten, die mein Vetter zu mir gesprochen hat?" ..Nichts habt Ihr mir erzählt, gar nichts!" rief Marie neugierig, „aber ich bitt' Euch, sagt mir's. möcht' doch gern wissen, was er noch zuletzt von Euch gewollt hat" „Etwas sehr Sonderbares, was ich noch immer nicht begreifen kann — er hat doch so sehr viel für mich gethan und seine letzte Bitte an mich war um Vergebung." „Vergebung?" wiederholte Marie, verwundert den Kopf schüttelnd, „was solltet Ihr ihm denn vergeben?" „Das ist's ja. was ich selber nicht weiß, und darum glaube ich auch, er muß nicht bei Sinnen gewesen fein, als er so seltsam zu mir sprach; man konnte es kaum mehr ein Sprechen nennen, j es war nur ein Stammeln. — O, es war ganz > schrecklich," fügte sie schaudernd hinzu, „seine Au-! gen rollten so unheimlich, und er preßte meine > Hand', daß ich glaubt, sie würden zerbrechen, und dabei stöhnte er: Vergebung! — Vergebung! Dina, ich habe Dich betrogen —' schändlich betrogen." „Was?" schrie Marie, „das hat er gesagt?! daß er Euch betrogen, getäuscht?" j „Das waren feine letzten Worte. Und Du; verstehst sie gewiß eben so wenig als ich " i Aber Marie hatte die Hände zusammengeschla-! gen und betrachtete ihre Herrin mit seltsamen Blicken, ihr war's, als wäre eine Binde von ihren Augen gefallen. „Wenn das wahr wäre!" „Wenn was wahr wäre?" „Na, was er Euch gesagt hat. daß er Euch betrogen." „Unsinn, wie könnte er mich betrogen haben?" ..Habt Ihr gar keine Ahnung?" forschte Marie. „Nicht die mideste." „Und doch muß es wahr sein; ich kann's mir nicht denken, daß ein Unschuldiger sich selbst anklagt." „Er muß gefaselt haben." „Nein, nein, so etwas faselt man auch nicht, das war Wahrheit, verlaßt Euch darauf." ..Unmöglich! er hat mich mit Aufmerksamkeit und Güte überhäuft, worin sollte er mich getäuscht haben? — Kannst denn Du Dir das denken?" Wohl konnte Marie sich das denken, aber sie wußte nicht, wie sie es ihrer Gebieterin mittheilen sollte; in höchster Erregung war sie aufgesprungen und hatte Dina's Hände ergriffen. „Was hast Du?" fragte diese überrascht. „Du bist ja ganz außer Dir, Du zitterst." „Ich habe eine Bermuthung," stieß Marie endlich hervor, „aber wenn ich nur wüßte, wie ich's Euch sagen soll." „Sprich doch frei, ohne Umschweife; worin er mich auch getauscht haben mag, jetzt ist's verschmerzt." „Seid Ihr dessen so ganz sicher?" „Ganz sicher," entgegnete Dina mit trübem Lächeln, „gibt es doch nichts mehr auf der Welt, dessen Verlust mich schrecken könnte; also sprich immerhin." Aber Marie war zu erregt; sie wußte, daß das, was sie auf dem Harzen hatte, ihre Herrin auf's Tiefste erschüttern würde, und da es ja doch nur eine Bermuthung von ihr war, so war sie wiederum in Zweifel, ob sie sie aussprechen sollre; doch hielt sie sich nicht berechtigt, ihr dieselbe vvrzuenthalten. Dina betrachtete voll Staunen das erregte Mädchen, so hatte sie sie noch nie gesehen. Röthe und Blässe drängten einander in dem guten ehrlichen Gesicht und die treuen blauen Augen hafteten voll innigen Mitgefühls auf dem bleichen Antlitz ihrer Herrin; sie hätte ihr so gern jede trübe Minute erspart, und doch fühlte sie, sie dürfe nicht schweigen. „Nun, Marie, willst Du mir nicht sagen, was Du glaubst?" '„Ich muß ja wohl," stotterte das Mädchen. „Nein, Du mußt nicht. Ich begreife zwar

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