Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1877)
- Date
- 1877-05-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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462 Das hiesige isr. Taubstummeninstitut mit 6000 ff. bedacht. (W. Isr.) P?gg, 6. Mai. In früherer Zeit klagten die Juden über schweren staatlichen Druck, über Beschränkung ihrer persönlichen Freiheit in Ausübung des Handels und der Gewerbe, über besondere Steuerlasten, Beschränkung ihres Wohnrechtes auf die ungesundesten Stadttheite, die Religion jedoch, das Judenthum erfreute sich der höchsten Büthe, die Wissenschaft in religiösen Dingen wwe allgemein verbreitet, Unwissenheit des Gesetzes war keine Entschuldigung. Der Ungelehrte war verachtet, der Drang zum Lernen war ein mächtiger, der ärmste Hausirer besuchte die Vorträge, welche gelehrte Männer alltäglich in den vielen Synagogen abhielten. Die gegenseitige Theilnahme war oft rührend, Reich und Arm standen sich nicht im Geringsten schroff gegenüber, es herrschte Einigkeit und Brüderlichkeit. Die Religion war das Band,.welches sie umschlang. Niemand''Wagte es, Handlungen zu begehen, welche ihren Satzungen zuwider sind. Die Juden Der Gegenwart genießen wohl in vollen Zügen die ausgedehnteste bürgerliche und politische Freiheit, Handel, Gewerbe, Künste; Industrie und Wissenschaften haben sie in raschem Fluge in Besitz genommen , kein Staat beschränkt ihr Thun und Lassen; doch wie steht es mit dem Judenthum? Dieses wird als ein Ding betrachtet, an das man nicht gerne sich erinnert, Hohnsprechung und Uebertretung der wichtigsten religiösen Vorschriften der hiesigen reichen Juden sind alltägliche Erscheinungen, man schämt sich fast, in der Sucht, es den Christen gleich zu thun, der jüdischen Confessio» anzugehören. Diese etwas düstere Betrachtungen, finden fast täglich ihre Bestätigung. In neuerer Zeit begnügt man sich nicht mehr im Privatleben, das jüdische Gesetz als außer Kraft gesetzt anzusehen, sondern man erlaubt sich schon bei den feierlichsten Akten, welche im menschlichen Leben Vorkommen, das jüdische Gesetz zu ignoriren. Es ist guter Ton geworden, jüdische Hochzeiten in christlichen Hotels zu arrangiren. wo ganz tresa gespeist wird. Die Herren Prediger trauen ganz gemüthlich diese religionsverächterische Brautleute mit der Formel „nach dem Gesetze Mosis und Israel." Ein solcher Fall fand erst am Lagb'omer hier Statt, an welchem ein hiesiger Hopfenhändler seine Tochter > verheirathete, und das Hochzeitsmahl im „Säulensaale deS deutschen Casinos" vom Casinowirth besorgt wurde. Solche Vorgänge sollten doch geeignet sein, die Aufmerksamkeit der Rabbiner zu erregen. Die Herren sollten wenigstens dahin wirken, daß ein solches öffentliches Aergerniß vermieden werde. Es . ist gewiß, wenn der Rabbiner den Parteien, von welchen man vermuthet, daß sie das Hochzeitsmahl in christlichen Hotels zu bestellen beabsichtigen, die Trauung unter solchen Umständen verweigern würde, ein solcher Unfug nicht Vorkommen könnte. Dem Rabbiner kann diese Trauungsverweigerung nicht verübelt werden, da ja nach jüdischem Gesetze das Hochzeitsmahl in unmittelbarer Verbindung zu dem Trauungsakte steht, und die bei demselben zu sprechenden Segenssprüche zur Ceremonie gehören. Den Parteien steht ja das Recht zu eine Civil-Ehe einzugehen, sie sind im bürgenlichen Leben an die jüdischen Vorschriften nicht gebunden, wollen sie jedoch die religiöse Trauung, so müssen sie sich die Beobachtung der religiösen Vorschriften auch beim Hochzeitsmahle gefallen lassen. (Nachbemerkung der Redaction: Wir können uns mit den Ausführungen des Herren Correspondenten nicht einverstanden erklären. Es ist allerdings wünschenswerth, daß der Rabbiner die Parteien von solchen flagranten Gesetzesübertretungen zurückzuhalten sich bemühe — allein, die religiöse Trauung zu versagen, dazu hat er weder das Recht, noch wäre das überhaupt angemessen. — ) Amerika. Washington. Auf Ansuchen des Herrn Salomons hat der Schulrath der hiesigen Stadt beschlossen, die Kinder jüdischen Glaubens, welche öffentliche Schulen besuchen, an den jüdischen Feiertagen vom Schulbesuch zu dispensiren. „Jew. Mess." berichtet, daß Herr Gottfried Morse bei der Schulbehörde zu Boston den Antrag gestellt hat, daß die Schülen an Samstagen geschlossen bleiben sollen. Der Antrag wurde angenommen und soll im Wintersemester in Ausführung gebracht werden. (W. Isr.) Feuilleton. Der Kölliglicht Resident. (Eine historische Erzählung.) XXII. Carl XII. hatte, nachdem er fast unerschwingliche Cvntributionen ausgeschrieben , in Sachsen überwintert; sein Heer mußte daselbst umsonst verpflegt werden. Dann war er aufgebrochen, um sei-