Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1877)
- Date
- 1877-05-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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444 Feuilleton. Jus dem Mittelalter. Von Friedrich Nott. XIII. Indessen rückte der Herbst immer näher, schon in den nächsten Tagen erwartete man die Heimkunft jenes Zeugen. Alexander traf Vorbereitungen zu einem glänzenden Fest, Niemand sollte ihre Vermählung ahnen, aber feiern wollte er sie doch. Sein Jubel steigerte sich von Tag zu Tag und Dina ward immer bleicher und bleicher. Mit dem Scharfblick der Ergebenheit hatte ihre treue Dienerin das Geheimuiß bald errathen, so sehr auch Alexander in ihrer Gegenwart sich Zwang authctt; denn er fürchtete sie, obgleich er ihre Anhänglichkeit an ihrer Herrin kannte; längst hätte er sie entfernt, hätte er nicht besorgt, Dina zu verletzen. Marie hatte allerdings keine Ahnung, in welcher Weife die Verbindung der Verlobten ftattftnden sollte, aber daß sie stattfinden sollte, daran zweifelte sie nicht, und oft war es ihr, als müsse sie mit Gewalt ihre Gebieterin zurückhalten, einen Schritt zu thun, der sie, wie sie wähnte, noch unglücklicher macken müsse. Doch was konnte sie ihr sagen, sollte sie den Mann, dessen Brod sie aß, seiner Verlobten gegenüber verdächtigen? und selbst wenn sie dieses nicht gescheut, so vermochte sie es dennoch nicht, denn so sehr sie sich persönlich von der Verworfenheit Alexanders überzeugt hielt, so wenig wäre sie im Stande gewesen, anzugeben, worauf sich diese Ueberzeung gründete. Endlich nahte die einerseits so heiß ersehnte, andererseits so maßlos gefürchtete Stunde. Mitternacht war vorüber, denn am Tage glaubte man es nicht wagen zu dürfen, eine der verpönten Religion eigentümliche Ceremonie vorzunehmen, so unscheinbar diese an und für sich auch war. Sämmtliche Hausleute lagen bereits imtiffen Schlummer, als Alexander geräuschlos den Männern, die gleich ihm an jenem unheilvollen Tage die Schlinge, die man ihnen gelegt, erkannt und sich davor gehütet hatten, die Thüre seines Hauses öffnete. Der eine war eine wenig Interesse erregende Persönlichkeit, der andere war Simon, der seine Braut in dem Tempel des Todes hatte verschwinden sehen, und ohnmächtig vor den Stufen desselben zusammengebrochen war. Diese Ohnmacht hatte sein Leben gerettet, denn er hatte seine Leah so heiß geliebt, daß er in jenem Moment im Begriffe gewesen war, ihr zu folgen. Doch als er i erwachte, befand er sich in seiner Wohnung; ein | ihm befreundeter Priester hatte ihn erkannt, als! er bewußtlos vor jener Stiege lag, und hatte daj für gesorgt, daß er nach seinem Hause gebracht j wurde. Hier vernahm er durch jenen Geistlichen,! daß Alles bereits vorüber und trotz seiner Verj zweiflung erkannte er das Nutzlose des Schrittes, den er hatte begehen wollen, und hütete sich weislich, desselben zu erwähnen. Aber sein Lebensmut mar gebrochen, das G ück seines Daseins ihm zertrümmert. Mit einer Art krankhafter Hingebung schloß er sich an die kleine Hanna, Leah's zurückgebliebene Schwester, und wurde nie müde, m t dem Kinde von der Verblichenen zu reden; denn die Kleine war das einzige Wesen, das seinen Schmerz theitte. Laut schluchzend und unter heißen Thränen rief sie oft nach der Schwester, und wurde ihm hiedurch wirklich theuer. So wenig er seinem Charakter nach geneigt war, Wvhlthätigkeit zu üben, so war er doch gleich entschlossen, die Kleine bei sich zu behalten, und nach besten Kräften für sie zu sorgen, denn er betrachtete sie als ein Bcrmächtniß seiner dahingeschiedenen Braut Von Jugend aus mit Alexander bekannt, konnte er ihm den Freundschaftsdienst. den Jener jetzt von ihm begehrte, nicht wohl versagen, obgleich er sich äußerst ungern in eine Sache einließ. die, wenn sie bekannt wurde, Denen, die sich daran betheiligt, gar leicht Vermögen und Freiheit kosten konnte; es waren jedoch in' so umsichtiger Weise Vorsichtsmaßregeln getroffen, daß an ein Bekanntwerden wohl eigentlich nicht zu denken war. Alle Läden waren fest geschlossen und zudem befand man sich in einem der inneren Räume des Hauses. Dina, bebend wie Espenlaub, war kaum im Stand sich aufrecht zu erhalten. Alexander schickte sich eben an, denRing ihr aufden rechten Zeigestnger gleiten zu lassen und sprach dabei halblaut doch allen Anwesenden wohl verständlich: „Siehe, durch diesen Ring bist Du mir angetraut. nach dem Gesetz Mose und Israel." Er war noch nickt zu Ende, es war ihm noch nicht gelungen den Ring auf ihren zuckenden Finger zu bringen, als plötzlich der schwere Kronleuchter, durch den er im Gefühle seines Glückes, erst vor wenigen Tagen diesen Salon hatte schmücken lassen, den wahrscheinlich zu schwachen Haken durchbrach, sich vom Plafond loslöste, und mit seiner ganzen Schwere und gewaltigem Krachen gerade auf den Nacken des Sprechenden stürzte. Einen kurzen, gellenden Schrei aüsstoßend, fiel er zu Boden, und trotz der Bemühungen der Anwesenden verstrichen Stunden, bevor er die Augen wieder aufschlug. Im ganzen Hause hatte man das Krachen und den