Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1877)
- Date
- 1877-05-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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445 Schrei vernommen und bald waren alle Bewohner desselben in Bewegung, dem verwundeten Hausherrn die möglichste Pflege zu verschaffen. Dina zu Tode erschrocken, empfand trotz ihres aufrichtigen Mitgefühls für das Unglück ihres Verlobten, dennoch eine Art Gefühl wie Erlösung, und so hart ihr Gewissen sie auch ob dieser Empfindung tadelte, so wenig war sie im Stande, dieselbe zu unterdrücken. Sie suchte sie zu bannen, durch die treueste Hingebung, mit der sie den Verwundeten pflegte und Tag und Nacht nicht von seinem Bette wich. Der schleunigst herbeigerufene Arzt erklärte den Fall für sehr bedenklich, das Rückgrat war nicht unerheblich verletzt; er fürchtete das Aergste, obgleich er dem Kranken, der sich eben etwas wohler fühlte, die beste Hoffnung machte. Es war ein harter Schlag für Alexander; nahezu fünfzehn Jahre hatte er nach dieser Stunde geschmachtet, gelechzt; um sie zu erreichen, hatte er selbst Verbrechen nicht gescheut, und nun so nahe dem Ziele, mußte dieser Unfall ihn treffen. Doch auf die hoffnungsreichen Worte des Arztes sich stützend, wähnte er sein Glück nur um einige Tage verzögert und mit aller Kraft seines Geistes seine Schmerzen überwindend , überließ er sich rückhaltlos dem wonnigen Gefühle, von der Geliebten gepflegt zu werden. In ihren bleichen harmvollen Zügen, ihren sanften teilnehmenden Worten glaubte -er ein wärmeres Gefühl für sich selbst zu erblicken und segnete gern seinen Unfall, wenn er dies in ihr erweckt. Doch Tag um Tag verging, ohne daß sein Zustand sich besserte. Dina weinte heiße Thränen, denn er war sa doch ihr einziger Freund und sie schätzte und liebte ihn in der That, wenn auch mit ganz anderer Liebe als derjenigen, die er von ihr begehrte. Je hoffnungsloser sie sich indessen zeigte, desto hoffnungsreicher machte sie ihn; denn er erblickte in ihren Befürchtungen, ihrem Schmerz nur die leidenschaftlichste Zärtlichkeit für sich selbst, ohne das Hoffnungslose seines Zustandes auch nur zu ahnen. Simon, weit mehr schwach als schlecht, zeigte sich freundschaftlich und theilnehmend, täglich besuchte er den Leidenden, und häufig begleitete ihn die kleine Hanna, die ihn Bruder nannte und die er gern in Dinas Gegenwart brachte, theils um Dina durch die Plaudereien des muntern Kindes zu zerstreuen, theils weil er es als Wohlthat für die Kleine betrachtete, unter Dina's Aufsicht, wenn auch nur zeitweilig, sich zu befinden, und Dina hatte die liebliche Kleine gerne um sich; sie erinnerte sie nicht nur an ihr eigenes ihr so früh entrissenes Töchterchen, sondern auch an ihren Gabriel, der sich gern und häufig mit ihr unterhalten, und den sie daher fleißig aufgesucht hatte. Seitdem Gabriel nicht mehr da war und Dina zu sehr versunken in ihren Schmerz, hatte die Kleine das Haus nicht mehr betreten, bis jetzt. Alexanders Krankheit verschlimmerte sich von Woche zu Woche, ohne daß jedoch seine Schmerzen gerade Zunahmen; er sah heiter und voll Vertrauen in die Zukunft und hoffte stets, in den nächsten Tagen schon das Bett verlassen zu können. Es war ein rauher unfreundlicher Oktobertag. Der Kranke hatte wiederholt über Kälte geklagt und auf Dinars Anordnung loderte ein ' helles Feuer im Kamin; doch es vermochte den Leidenden nicht zu erwärmen, so drückend auch für alle Anwesenden die Athmosphäre im Krankenzimmer bereits war. Den ganzen Tag klagte er über Müdigkeit, ohne Schlaf finden zu können; endlich gegen Abend schlossen sich seine Augen, er schlummerte ein. Dina saß an seinem Bette und sorgte, daß kein Geräusch die Ruhe des Leidenden störe; aber trotzdem schien sein Schlummer kein erquickender zu sein. Seine Wangen, bisher so bleich, glühten in Fieberhitze, wilde leidenschaftliche aber unzusammenhängende Worte strömten über seine Lippen, und Dina, voll Angst, sandte zum Arzte. Pater Anselm befand sich bald am Bette seines Freundes; mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln suchte er ihm Linderung zu verschaffen, ohne jedoch weder sich noch seiner Umgebung die Gefahr des Moments zu verhehlen. Alexander rief beständig nach Dina, richtete glühende Liebesworte an sie, ohne sie jedoch zu erkennen, so freundlich und liebevoll sie ihm auch zuredete. Endlich legte sich seine Unruhe, ein ohnmachtähnlicher Schlummer schien ihn zu umfangen und regungslos lag er da. Noch athmete er, doch der erfahrene Arzt kannte diese Ruhe, er wich nicht vom Bette des Schlummernden, dessen Erwachen er nur erwartete, um ihm die Sterbesakramente zu reichen. Eine Stunde mochte ungefähr vergangen sein, als Alexander die Augen aufschlug; die Gluth des Fiebers war gewichen, aber die früher schon unerträgliche Kälte hatte sich noch gesteigert, doch sein Bewußtsein schien ungetrübt; diesen Moment wollte der Priester benützen und in den schonendsten Worten suchte er ihn vorzubereiten auf den Ernst der Stunde. Das war indessen keine leichte Aufgabe, denn so leidend sich der Kranke auch fühlte, Muth und Hoffnung auf Genesung hatten ihn noch immer nicht verlassen. Doch nicht sobald waren ihm des Priesters Worte klar geworden, als die maßloseste Verzweiflung sich seiner bemach-