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Der Israelit · 1877-05-09 · Heft 19 (9.5.1877) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 19 (9.5.1877)
Date
1877-05-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
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440 Polen" zu führen, mußte Stanislaus Lescinski als den rechtmäßigen König von Polen anerkennen, mußte endlich versprechen, den Liefländer Patkul, den Carl als einen rebellischen Unterthan reclamirte, an die Schweden auszuliefern. Auf diese letztere Bedingung hätte August um so weniger eingehen dürfen, da Patkul, den Czar Peter zum General ernannt hatte, als russischer Gesandter am Hofe zu Dresden accreditirt war. Er that es dennoch, und Carl ließ seinen Feind, den Urheber des ganzen Krieges, auf's Rad flechten. Ein Schrei der Entrüstung ging durch ganz Europa, weniger gegen den Schwedenkönig als gegen August, der seinen Freund so feige verlassen, ja dem erbittertsten Feinde ausgeliefert hatte; Czar Peter nannte ihn in seinen Briefen an den Kaiser und an die Königin von England „einen ehrvergessenen Fürsten". Unterdeß kehrte Rabbi Bärmann nach Halberstadt zurück. Ein großes Fest erwartete ihn; die Synagoge war vollendet und sollte eingeweiht werden. Es war ein prachtvoller Bau geworden, der «och heute das Auge des Besuchers entzückt; die großen Marmorsäulen, von denen wir schon erzählt haben, die heilige Lade an der Ostwand mit einer Fülle von vergoldetem Laubwerk umwunden, die große Kuppel, in der eine (leider später entwendete) kolossale, 160 Pfund schwere, autz massivem Silber angefertigte und stark vergoldete Taube hing, allüberall reichvergoldete Zierrathen, die heiligen Geräthe des heiligen Tempels zu Jerusalem darstellend, die feingeschnitzten Arabesken an dem obern Theil der Wände, der ganze architektonische Styl — das Alles bewies, daß ihr Erbauer an dem prachtliebenden und kunstsinnigen Hofe zu Dresden gelebt hatte; erzählt man doch, Rabbi Bärmann habe eigens für die Vergoldungen ein Fäßchen voll Ducaten zur Verfügung gestellt! Auch das Jeschibah-Leben fand Rabbi Bärwann durch das segensreiche Wirken des Rabbinen zu seiner unermeßlichen Freude auf das Gedeihlichste entwickelt. Außer Rabbi Moscheh Brisk und den Söhnen des Rabbinen waren eine große Menge talmudbeflissener Jünglinge nach Halberstadt gekommen, von denen viele später berühmte Männer wurden. Wir wollen nur einige namhaft machen: Rabbi Elchanan Aschkenasi, später Rabbiner zu Danzig, Vers, des berühmten Werkes Sidrä Tohara; Rabbi Arjeh Löb, später Rabbiner zu Hannover, Verfasser des Pne Arjeh; Rabbi Jesaja Berlin, der berühmte Kritiker und Revisor des Talmudtextes; Rabbi Me'ir Barby, später Rabbiner zu Preßburg, einer der scharfsinnigsten Rabbinen des vorigen Jahrhunderts. Dieses reiche Jeschibah - Leben, diese eifrige Pflege des Thora-Studiums, der Anblick so vieler reichbegabter und vielversprechender Jünglinge erfüllte das edle Herz Rabbi Bärmanns mit unsäglicher Freude. „O," sprach er zu dem Rabbinen, „könnte ich doch hier in Halberftadt bleiben, zu Euren Füßen sitzen und Eure Vorträge hören! Hier ist wahrhafte Freude, wahrhafte Zufriedenheit, wahrhaftes Gluck; hier wird in der Thora geforscht, und man hört und sieht nichts als Heiligkeit und Gottesdienst! Ich aber muß hinaus, mitten in eine Welt der Unsittlichkeit und der Genußsucht, der Schlechtigkeit und der Verkommenheit, des Truges und der Falschheit. Glaubt mir, Rabbi, wenn ich könnte, ich würde mich von Allem zurückziehen und nur dem Dienste meines Gottes leben, nichts thun als in der Thora forschen." „„Sprecht nicht so," sagte der Rabbiner, „„was Ihr vollbringt auf Erden, ist unvergleichlich groß. Ihr arbeitet zum Wohle und zum Heile von ganz Israel! Wolltet Ihr um so großer Zwecke willen nicht Manches ertragen, was Euch unangenehm ist?"" „Ich kann Euch nicht sagen," entgegnete Rabbi Bärmann, „wie sehr mich das Leben am Hofe mit Ekel und Abscheu erfüllt! Der äußere Glanz und die innere Hohlheit, die feinen Formen nach Außen und die schrecklichste Fäulniß im Innern, das glänzende Laster — Trug und Lug und Falschheit allüberall. Steigt Jemand in der Gunst des Königs, so liegt ihm Alles zu Füßen, fällt er, so bekömmt er Fußtritte von allen Seiten. Und dabei ist der Boden, auf dem man wandelt, spiegelglatt — wie leicht kann man da straucheln!" Es schien, wie wenn trübe Ahnungen künftiger Gefahren in Rabbi Bärmann aufftiegen. Vergebens rieth ihm der Rabbiner, diese bangen Gefühle zu überwinden. Das Fest der Synagogenweihe ging vorüber; Rabbi Bärmann mußte nach Dresden zurückkehren. Hier hatte er sich nunmehr seinen ganzen Haushalt eingerichtet, ebenso eine Synagoge, sowie Alles, was zum jüdischen Leben gehört. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilage«. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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