Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1877)
- Date
- 1877-05-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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422 Dina, ich liebe Dich — mit aller Gluth des Jünglings und der eisernen Beharrlichkeit des gereiften Mannes. — Wir stehen beide allein in der Welt, — werde mein. —" Athemlos starrte er in ihr nun wirklich erröthendes Angesicht, und harrte ihrer Antwort, als gelte es Tod oder Leben. „Alexander" erwiederte sie traurig „Dein Edelmuth führt Dich irre; doch darf ich Deinen Jrrthum nicht benutzen. Wie, in der Blüthe Deiner Jahre wolltest Du Dich binden an ein sieches Weib, dessen Herz gebrochen." Sie schaute überrascht, doch voll Theilnahme zu ihm auf. „Ha" fuhr er heftig fort, „Du wähnst, Du habest gelitten und doch weißt Du nicht einmal, was leiden heißt. Wohl hast Du den Mann verloren. den Du geliebt hast, aber dreizehn Jahre lang hast Du ihn besessen, dreizehn Jahre warst Du sein, haben seine Arme Dich umschlossen, seine Lippen. —" Von Leidenschaft übermannt hielt er inne, seine Hände krümmten sich krampfhaft, als wollten sie das Bild zerreißen, das feine Fantasie heraufbeschworen, ein Stöhnen entrang sich seiner Brust. „Dina" Hub er nach einigen Minuten wieder an, „ich habe Dich geliebt, so lange ich denken kann — lange, lange bevor iener — bevor Dein seliger Gatte Dich gesehen. — Und als er kam — als Deine Eltern Dich ihm verlobten — als — Oh, ich vermochte es nicht zu ertragen, Dich in den Armen eines Andern zu wissen — ich glaubte, ich müsse wahnsinnig werden. — Weißt Du, was lieben heißt Dina? — Wennn Du des Himmels Seligkeit für ein Lächeln des Geliebten von Dir schleuderst, wenn Du der Hölle trotzest, tun an seinem Mund zu hängen, wenn Du — doch nein, so hast Du nie geliebt — Du weißt nicht, was leiden — Du weißt nicht, was lieben heißt — Laß mich Dich'K lehren, flüsterte er bebend, mit unheimlich funkelnden Augen. Ueberwältigt von Schrecken war sie nnfähig auch nur ein Wort zu erwiedern; umsonst versuchte sie, ihre Hände, die er ergriffen, ihm zu entziehen; mit wilder Leidenschaft hielt er sie nur um so fester, und drückte sie an seine fieberglüh-nden Lippen. Doch im nächsten Augenblick hatte er sich gefaßt; er sah ein, daß er zu weit gegangen und daß er im Augenblicke sich mäßigen müsse, wollte er nicht alles verlieren. „Verzeihung!" flehte er, indem er sie losließ und sich ihr zu Füßen warf, „Verzeihung! Es war das erste Mal, daß ich einem menschlichen Wesen mein Herz enthüllt, es hat mich übermannt; doch es wird nie, nie wieder geschehen, Dina, ich schwöre Dir's. — Nie werde ich wieder zu Dir von meiner Liebe reden; Du hassest mich, darum klänkt es Dich — doch tausendmal lieber sterben als einen Moment Dein Behagen stören. Denn Du magst sagen, was Du willst, Dina, Behaglichkeit empfindest Du, wenn Du die Tage der Vergangenheit Dir in's Gedächtnis rufst; es ist die einzige Behaglichkeit, die mein Haus Dir zu bieten vermag Lebe nur weiter für die Todten, gegen die Lebenden hast Du keine Pflichten." Es war dieses kein ganz neues Manöver, ihr in dieser Weise ihre Verpflichtungen gegen ihn in's Gedächtniß zu rufen, und es hatte immerhin eine Art von Erfolg. „Alexander" erwiederte sie, noch bebend vor Aufregung „ich habe es Dir schon oft gesagt, daß Du mir ein schweres Unrecht thust, wenn Du mich des Undanks zeihest." „Du hast mich mißverstanden Dina, undankbar habe ich Dich nie genannt; ich klage nur, daß Du mich hassest." „Aber auch das ist ja nicht wahr! wie könnte ich hassen den einzigen Menschen, der auf dieser großen weiten Erde an mich denkt. O, Alexander, könntest Du schauen in mein Herz, wie schmerzlich es beklagt Deine Neigung nicht — nicht erwiedern zu können — und doch bist Du mir so theuer; in den schwersten Stunden meines Lebens hat Deine Hand mich aufrecht erhalten, mich geleitet. —" Mit schmerzlichem Seufzer erhob er sich vom Boden und legte ihre Hand auf seinen Arm. „Es wird kühl, erlaube, daß ich Dich in's Zimmer führe. Stütze Dich auf mich, nur recht fest, das ist ja doch das einzige, was mir geblieben, daß ich Dich stützen und leiten darf." Sie hätte so gern widersprochen; doch fühlte sie sich unfähig, auch nur ein Wort zu erwiedern. Der Abend verging noch trüber als gewöhnlich. Dina erregt, fast entsetzt von dem, was sie erfahren, verharrte in düsterem Schweigen , ohne sich wie sonst zu bemühen, ihren Trübsinn zu bemeistern. Alexander durchmaß hastigen Schrittes das Gemach; hätte sie ihn beobachtet, sie hätte sich entsetzt vor der unheimlichen Gluth seiner Blicke, sie hätte gewahrt, welche unendliche Ueberwiodung es ihn kostete, ihr nicht zu nahen. Doch sie war nicht gewöhnt, ihre Umgebung zu beobachten; ganz erfüllt von der Qual, die seine Enthüllung ihr bereitet, vergaß sie seiner Gegenwart. Er war es, der heute zuerst sich zurückzog; in ihrer Gegenwart fühlte er seiner selbst nicht mehr sicher, und zum Aeußersten wollte er noch nicht schreiten. „Gute Nacht, Dina" sagte er tonlos, doch er bot ihr nicht die Hand, wie er es in jüngster Zeit