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Der Israelit · 1877-05-02 · Heft 18 (2.5.1877) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 18 (2.5.1877)
Date
1877-05-02
Page
– (sequence 13)
Language
German
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421 Die Priester schlugen vor, den Fluß nach der Leiche durchsuchen zu lassen, Alexander ließ eS geschehen, doch ohne Erfolg; dennoch zweifelte Niemand, daß der unglückliche Knabe in dem kühlen Naß sein Grab gefunden. Als die Mutter nach einigen Tagen ihr Kind im Kloster zu besuchen verlangte, verweigerte Alexander dieses zuerst unter dem Borwande, daß die Regeln des Ordens dieses nicht gestatteten; doch als sie von Tag zu Tag dringender nach dem Knaben begehrte, entschloß er sich mit schwerem Herzen, ihr den Sachverhalt, allerdings in entstellter Weise, mitzutheilen. Er erzählte ihr-, daß der Knabe auf jenem Spaziergang von einem plötzlichen Unwohlsein befallen worden. Mit jeder Minute habe das Uebel sich gesteigert, so daß er befürchten mußte, ihn lebend nicht mehr in sein Haus zu bringen; er habe daher vorgezogen, ihn in das nahe Kloster zu tragen. wo er nach kaum einer Viertelstunde verschieden. Als er an jenem unheilvollen Abend heimgekehrt, habe ihm der Muth gefehlt, der Mutter das Entsetzliche zu berichten; er habe geschwiegen, so lange als möglich, nun aber habe sie ihm das Schweigen unmöglich gemacht. Den Schmerz der kinderlosen Mutter zu beschreiben, wer vermöchte das! — Für diesen Knaben hatte sie gefrevelt, für ihn hatten Vater und Schwester ein frühzeitiges Ende gesunden und nun war er dahin! — dahin! — sie sollte ihn nimmer Wiedersehen. Alexander umgab sie mit der zartesten Aufmerksamkeit, mit der hingehendsten Treue, doch sie hatte keinen Dank mehr für ihn, hatte sie doch kaum Bewußtsein von dem, was für sie geschah. Sie war nicht krank, doch in dumpfes Hinbrüten versunken, vergingen Tage, ohne daß ein Wort über ihre Lippen kam. Alexander war außer sich; er machte sich die bittersten Vorwürfe, nicht daß er den Tod des Kindes verschuldet. das beunruhigte ihn wenig mehr, aber daß er das Weib, das er mit der leidenschaftlichsten Gluth von Tag zu Tag wahnsinniger liebte, daß er sie allem Anscheine nach noch unfähiger gemacht hatte, seine Gefühle zu begreifen, geschweige sie zu theilen, das war es, was ihn oft dem Wahnsinn nahe brachte. Doch allmählich, ganz allmählich legte sich dieser starre Schmerz; sie war von Natur zu sanft als daß sie diese für ihre Umgebung oft verletzende Schroffheit für die Dauer hatte beibehalten können. — Alexander hoffte wieder, und was die opferfreudigste Liebe nur ersinnen konnte, er legte es ihr zu Füßen und erntete dafür den trüben aber doch freundlichen Dank der Geliebten. Monate waren vergangen, noch hatte kein Lächeln ihr Antlitz wieder erhellt, aber sie war aufmerksam gegen ihn wie früher. Doch das genügte ihm nicht, wilder und wilder tobte die Leidenschaft, kochte das Blut in seinen Adern, und noch hatte er sie immer unnahbar gefunden. Die Sonne war bereits hinter den Bergen gesunken, sie hatte die Laube noch nicht verlassen, aber ihre Thränen waren versiegt; und wie das Abendroth in röthlichem Schein die ganze Gegend umhüllte, verlieh .es auch ihren lieblichen Zügen eine frischere lebhaftere Färbung. Alexander war entzückt, als er sie so erblickte; alle seine Pulse klopften, heute, heute mußte er es wagen. Mehrere Minuten stand er, in ihrem Anblick versunken, vor dem Eingang der Laube, ohne daß sie ihn gewahrte, und als er absichtlich die Zweige der Laube in rauschende Bewegung setzte, gelang es ihm nicht, ihre Aufmerksamkeit zu erregen; es blieb ihm nichts anders übrig, als ihr vollends zu nahen. „Es ist ein wundervoller Abend" begann er mit milder, fast bebender Stimme. Sie fuhr erschreckt aus ihren Träumen. „V.rzeihung, Theuerste, daß ich Dich gestört." Doch sie hatte sich bereits gefaßt und zwang sich, mit einigen freundlichen Worten auf seine Bemerkungen einzugehen; sie war sogar aufmerksam genug, sein erregtes Aussehen zu bemerken, und erkundigte sich theilnehmend nach seinem Befinden. „Ich habe den ganzen Tag anstrengend gearbeitet und bin nun erschöpft" erwiederte er und warf sich neben sie auf den Rasen. „Ah, hier lebt man doch wieder auf nach den Mühen des Tages." Ein tiefer, schmerz'.icher Seufzer war ihre Antwort. Alexander war er nicht entgangen und ein Zug von Unmuth glitt über sein Gesicht. „Dina" begann er nach, einigen Minuten Schweigens, in denen er vergebens ein Wort von ihr erwartet hatte, „mir ist sowohl in Deiner Nähe, an Deiner Seite vergesse ich Ungemach und Leid — und Dir ist meine Gegenwart immer gleichgiltig, wenn nicht gar lästig." „Du thust mir unrecht, Alexander, nie war Deine Nähe m r unwillkommen, und nur wenn ich fürchte, durch den Anblick meiner Trauer Deine Freude za stören, suche ich die Einsamkeit." Wieder schwiegen beide, in seiner Brust arbeitete es mächtig, er rückte näher und naher ihr zu, bis sein heißer Athem ihre Wangen streifte. „Dina," sprach er in einem Ton, den die glühendste Leidenschaft dämpfte, „lange, lange habe ich geschwiegen, doch länger v:rmag ich's nicht —

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