Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1877)
- Date
- 1877-05-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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412 sieht überhaupt in Jerusalem nur eine unbedeutende Stadt des Morgenlandes, bedeckt mit Trümmern und Ruinen, leidend unter Mangel und Drangsal, aus welcher er, in seiner Erwartung vielleicht getäuscht, schnell und unbefriedigt hinwegeilt. Groß aber und unvergänglich für ein ganzes Menschenleben ist .der Eindruck, den der Wanderer empfängt, welchA das Ganze mit dem geistigen Auge betrachtet. Hier sieht er die noch unerschütterten Berge, hier die ewigen Thäler und Schluchten, hier die uralten Riesenbauten — diese sämmtlich unverändert gebliebenen, einzig wahren Stätten und Monumente, welche von der großen, glorreichen Vergangenheit und den außerordentlichen Erlebnissen der Stadt, von der das Licht des Glaubens an einen einigen, einzigen Gott der Welt über die ganze Erde hin leuchtete, laut und deutlich erzählen. In der felsigen Kalksteingegend von Jerusalem sind Quellen und Brunnen selten. Im Innern der Smdt ist beinahe gar kein Quellwasser zu finden, und in der nächsten Umgebung sind nur die unbedeutenden Quellen im Thale Kidron vorhanden. Man war in neuerer Zeit bemüht, sowohl in der Stadt, als auch in der Umgegend, Brunnen zu graben, und brachte Bohrmaschinen aus England, die an vielen Stellen angesetzt wurden, aber nirgends wasserreichen Boden trafen. Zur Zeit des jüdischen Reiches wurde in Jerusalem ein großartiges System von Wasserbehältern und Aquäducten geschaffen. Diese Wasseranlagen verdankten ihre Entstehung nicht blos der eigenthümlichen Lage der Stadt und der vorherrschenden Trockenheit des Klimas, sondern hauptsächlich dem Gesetze, nach welchem zu Zeiten der Feste eine große Volksmenge.nach Jerusalem herbeiströmte , und den vorgeschriebenen Reinigungsregeln, nach denen die Einwohner beider Geschlechter zu häufigen und regelmäßigen Waschungen und Bädern im fließenden Wasser angehalten waren. Das Waffersystem war daher so wichtig, daß unter den verschiedenen Beamten der Stadt und des Tempels eigene Wasserbau-Jns^ectoren sich befanden. Zur reichlichen Versorgung der Stadt mit Wasser dienten damals und dienen noch gegenwärtig die Privatcisternen und die benachbarten Quellen, sowie die mit außerordentlichen Kosten construirten großen Wasserbehälter in und außer der Stadt und die Wasserleitung, Werke, welche noch heute existiren und in ihrer Großartigkeit Bewunderung erregen. Das Wasserbausystem von Jerusalem hatte zur Zeit des jüdischen Reiches roch den desondern Vortheil, daß man im Falle einer Belagerung die Gegend außerhalb der Stadt des Wassers berauben und so den Feind in die harte Nothwendigkeit versetzen konnte, sich aus der Ferne her damit zu versorgen. Diesen günstigen Umstand benutzte der König Hiskia, indem er dem herannahenden Feinde das Wasser abschnitt und es innerhalb der Stadt ansammelte. Als nämlich Hiskia von der assyrischen Abhängigkeit, in welche sein Vater Ahas gerathen war, sich lossagte, zog Sanherib im 14. Regierungsjahre Hiskias gegen Jerusalem, um sich Judäa zu unterwerfen und dann mit verstärkter Macht Tirhakah, den König von Aegypten, anzugreifen. „Da berieth sich Hiskia mit seinen Obersten und Gewaltigen, das Wasser der Quellen außerhalb der Stadt zu verstopfen; und sie standen ihm bei. Es sammelte sich zahlreiches Volk, und sie verstopften all die Quellen und den fließenden Bach mitten im Lande, indem sie sprachen: Warum sollen die Könige von Assur kommen und viel Wasser vorfinden." Die Ausführung dieses Planes war zwar. wie Jesaia prophezeit hatte, nicht nöthig; denn, als der Assyrerkönig seine Diener Rabsakah, Rabseris und Tharden mit großer Macht gegen Jerusalem gesandt und Hiskia zum Tribut und Beistand aufgefordert hatte, „da ging ein Engel des Ewigen aus und schlug in dem Lager Affurs hundert und fünf und achtzig Tausend, und als man am Morgen früh ans war, siehe, da waren sie alle Leichen, und Sanherib kehrte heim und blieb in Niniveh " Jedoch verschaffte dieses Werk dem Könige Hiskia großen Ruhm, dessen in den Büchern der Könige und der Chronik Erwähnung geschieht?) Bei den vielen Belagerungen, welchen Jerusalem ausgesetzt war, litten die Belagerer sehr oft an Wassermangel und wurden genöthigt, aus großer Entfernung Wasser herbei zu schaffen, während die Belagerten diesen Mangel nicht empfanden. So wurden, als Antiochus die Stadt belagert hatte, seine Operationen zuerst aus Mangel 'an Wasser gehemmt. Bei Gelegenheit der Belagerung durch Pompejus hat Strabo auf diesen wichtigen Umstand besonders hingewiesen. Erberichtet: Jerusalem ist eine Vvn Natur sehr starke Festung, innerhalb wohl bewässert, außerhalb ganz trocken. Tacitus drückt sich darüber ebenso bestimmt aus: Die Stadt hatte eine unversiegbare Quelle, durch den Berg gegrabene Kanäle, Piscinen und Cisternen, das Regenwaffcr aufzubewahren. Von der Belagerung durch Titus erzählt Dio Cassius: Die Römer wurden sehr vom Durste geplagt, es stand ihnen nur ein ungenießbares Wasser zu Gebote, welches sie noch obendrein weither holen mußten. *) Sinnt, der Red.: 'Rach Peßachim ü6a stimmten die Weisen jener Zeit der Verstopfung der Gichon-^ucllen nicht zu.