Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1877)
- Date
- 1877-04-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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396 wirkt; wohl hatten sie das fröhliche Lachen der Kinder schon draußen vernommen, sie hatten jedoch nicht geahnt, daß der bleiche Knabe so heiler mit eingestimmt. Man ging zu Tische. Die Unterhaltung war heiter und allgemein, auch Gabriel, von allen dazu angeregt, betheiligte sich lebhaft daran. Eltern und Kinder wetteiferten mit einander, ihm alle nur erdenklichen Aufmerksamkeiten zu erweisen und bald war er der verhätschelte Liebling des ganzen Hauses. Und es herrschte ein so heiterer und doch so warmer inniger Ton in diesem Hause, daß der Blinde sich bald heimisch fühlte, und die trüben Tage der Vergangenheit wohl nicht aus seiner Erinnerung, aber doch aus seinem steten Denken rasch entschwanden. Der Sabbat nahte. Gabriel befand sich in einer fast fieberhaften Aufregung; der Vater hatte versprochen, ihn mit in die Synagoge zu nehmen, und seit so langer Zeit hatte er keine mehr betreten. — Und als der Gottesdienst nun beendet und sie heimkehrten in die sabbatlich geschmückten Räume und der Hausherr die Hände segnend auf die Häupter seiner Kinder legte, da zog er auch Gabriel in seinen Kreis und segnete ihn wie die Uebrigen. Eine Wonnegefühl durchzog des Knaben Brust; wie schmerzlich hatte er die Sabbatfeier im Hause des Vetters entbehrt, und hier. — Wohl sah er nicht das blendendweiße Damasttuch, das heute den eichenen Tisch bedeckte, nicht die glänzende siebenarmige Lampe, die vom Plafond gegen die Mitte des Tisches herniederhing, noch die reiche goldgestickte Decke, die die Sabbatdrode verhüllte und den silbernen Pokal, der des funkelnden Weines harrte; aber er empfand den lieblichen Wohlgeruch des aromatischen Kerzchens, das die Mutter vor Beginn des Sabbats angezündet hatte, und den eigenthümlichen Duft der frischen Sabbatbrode, vermischt mit dem der gewürzreichen Speisen, die auf der Platte des Kamins unweit der prasselnden Flammen bereits angerichtet standen. Während nun auch die Mutter die Hände auf Gabriels Haupt legte, die üblichen Segensworte flüsternd, durchschritt der Vater das weit hellerleuchtete Gemach und sang mit herrlich klangvoller Stimme: „Frieden Euch, ihr dienende Engel, Engel des Höchsten, vom König, der Könige, „Dem Heiligen, gepriesen sei Er. Euer Kommen ist zu Frieden, Engel des Friedens. „Denn Er wird Seine Engel Dir entbieten, Dich zu schützen auf allen Deinen Wegen. „Gott wird schützen Dein Ausgehen und Dein Kommen von nun an und immerdar." Dem Knaben tvar's als feien die Ewffek des Himmels herniedergeftiegen auf den Ruf des Mannes, der ihm selbst als Engel erschienen; er fühlte sich von den Armen der Mntter noch umschlungen und, sein Haupt auf ihre Schulter legend, sprach er glücklich lächelnd: „Hier im Hause weöken die Engel die ganze Woche hindurch, doch am Sabbat hört man ihre Flügel rauschen; da fliegen sie hinauf und erzähle» droben, daß es unten auf der Erde ein Haus gibt, wo es noch schöner iist als im Himmel und dann eile» sie rasch wieder hierher zurück." Der Hausherr sprach den Weihesprnch. über Wein und Brod und dann begann das Mahl und als es beendet, ertönten wieder heitere Lieder dem Sabbat zu Ehren. Gabriel lauschte mit stillem Entzücken und bei mancher ihm bekannten Melodie stimmte er munter mit ein; sangen doch Benjamin und Jakob auch mit. „Lieber Vater" sprach die kleine Tirza, des Rabbis einziges Tochterchen, ein schönes Kind, von ungefähr vier Jahren, als das Tischgebet verrichtet und die Fami'ie plaudernd noch beisammen saß, „lieber Vater heute ist mir etwas sehr Gescheidtes eingefallen." „Etwas sehr Gescheidtes Kind, das laß uns doch auch einmal hören." „Heute Nachmittag bin ich mit bei der blinden Rahel gewesen; die Mutter hat ihr Essen geschickt, da Hai die Rahel so viel erzählt, sie wär' gar nicht mehr blind und könnt' jetzt ganz gut sehen, und dann hat flmeine Hände geküßt und hat gesagt. Du Vater, hältst gemacht, daß sie wieder sehen kann; und da ist mir gleich eingefallen, daß ich Dich bitten wollte, Du möchtest doch machen, daß Gabriel auch wieder sehen kann. Willst Du Vater? ich habe ihn so lieb." Gabriels Wangen hatte Purpurrothe überzogen; stürmisch wogte seine Brust; er halte von dem Beruf seines Pflegevaters bisher keine Ahnung und die Hoffnung, das Augenlicht wieder zu erhallen, fast gänzlich aufgegeben; aber die Worte der kleinen Schwätzerin hatten alle Resignation ihn vergessen lassen und das glühende Verlangen nach Heilung wieder in ihm erweckt. Voll Theilnahme blickten alle bald auf den heftig erregten Knaben, bald auf den Vater, dessen Antwort die Kinder mit fieberhafter Spannung entgegensahen. „Liebes Kind" erwiederte er lächelnd, „die Rahel weiß nicht, was sie spricht, wenn sie sagt, ich könnte Kranke genesen machen oder Blinde sehen."