Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1877)
- Date
- 1877-04-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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395 Stirn und ihre Thränen sanken darauf. Voll Staunen und Mitleiden betrachteten die Kinder den blinden Flüchtling, dann umringten sie ihn und überboten einander in Liebesbezeigungen gegen ihn. Doch Schüchternheit und Ermüdung machten den Knaben unfähig, die freundlichen Begrüßungen der Kinder zu erwiedern, und mit Schrecken gewahrte Rabbi Pineas erst jetzt das kranke Aussehen seines jüngsten Sohnes, wie er ihn scherzend nannte. Aufregung hatte bisher seinen Wangen «ine täuschende Rothe verliehen, doch diese war plötzlich einer leichenhaften Blässe gewichen. Besorgt umfing ihn der Vater mit den Armen und die Mutter eilte, eine kräftigende Fleischbrühe, die sie für den heimgekehrten Gatten bereit hielt, herbeizuholen. Gabriel hatte seit zwei Tagen keine warmen Speise genossen und sichtlich erquickte ihn die stärkende Nahrung. Doch sobald er sie zu sich genommen, ward er zur Ruhe gebracht. Zippora hatte den Gatten schon wiederholt ersucht, nach der anstrengenden Fahrt durch ein kräftigendes Abendbrod sich zu stärken; doch erst als er den blinden Knaben in ziemlich ruhigem Schlummer sah, entsprach er der Aufforderung seiner Gattin. „Ich fürchte sehr, der arme Junge wird uns krank" sprach er besorgt. „Es wäre kein Wunder" entgegnete Zippora, «nach Allem was das Kind überstanden. Ein Blinder entflieh» und ohne Führer! es klingt unmöglich; hättest Du'S nicht erzählt, ich hätt's nimmer geglaubt." Rabbi Pineas theilte ihr nun Alles mit, was er von dem Knaben vernommen, sowie die näheren Umstände seines Zusammentreffens mit ihm, und je mehr sich Beide die Lage ihres Schützlings vergegenwärtigten, um so theurer ward er ihnen. „Es ist ein prächtiger Junge" sagte Zippora „und Gott wird geben, daß er uns gesund bleibt. Ruhe thut ihm Noth, und die soll er haben. Aber sag' doch, kannst Du nicht seine Augen operiren, so gut wie jener Priester?" „Ich weiß nicht, und weiß nicht einmal, ob es jenem Ernst war mit der Operation. In einiger Zeit, wenn das Kind sich ganz erholt haben wird, dann werd' ich sehn. Doch für'S erste soll er nicht einmal wissen, daß ich Arzt bin; es könnte ihm Hoffnung machen, und man kann ja doch nicht wissen." Rabbi Pineas war in der That einer der geschicktesten Aerzte seiner Zeit, sein Ruf reichte weit über die Grenzen seines Vaterlandes; und erst vor Kurzem hatte der Landesherr ihn zu sich entbieten lassen und seines Rathes begehrt; war die Blindheit des Knaben heilbar, so hätte er auch in dieser Beziehung in keine bessere Hände gerathen können. Doch die Befürchtungen des Rabbi sollten sich dieses Mal glücklicherweise nicht verwirklichen. Als Gabriel ziemlich spät am andern Tage erwachte, fühlte er sich wie neugeboren, und nach all' den Aufregungen der verflossenen Tage schien daS Gefühl von Sicherheit und Ruhe, das seine Brust erfüllte, seine Kräfte noch zu heben. Wohl empfand er schmerzlich die Trennung von der Mutter, doch ohne den Wunsch zu ihr zurückzukehren; nach ihrer entschiedenen Weigerung, mit ihm das Land zu verlassen, müsse er es doch als Glück betrachten, sie nun seinerseits verlassen zu haben. Und als Glück betrachtete er es auch, und all' sein Denken und Empfinden war ausgelöst in unaussprechlichem Dankgefühl. „Mein Gott, ich danke Dir!" sprach er leise vor sich hin. „Guten Morgen lieber Gabriel" sagte Zippora, die sich schon seit einiger Zeit an feinem Bette befand. Gabriel zog die Hand, die sie ihm gereicht, an seine Lippen und wollte auch ihr seinen Dank aussprechen; doch sie unterbrach ihn, forschte in liebvollster Weise nach seinem Befinden, überredete ihn, das Frühstück im Bette einzunehmen und wußte in zartester Fürsorge ihm alles so leicht und bequem zu machen, wie er dieses bisher nur von seiner Mutter erfahren hatte; erwähnte überhaupt, sie müsse seiner Mutter gleichen, war ja auch der Ton ihrer Stimme ebenso freundlich und milde, aber doch weit lebhafter und heiterer. Er lauschte so gern ihren Worten. Gegen Mittag kamen auch die Kinder aus der Schule, sie hatten es am Morgen schmerzlich bedauert, daß sie das Haus verlassen mußten, ohne ihren neuen Bruder gesprochen zu haben. Ihre erste Frage, als sie heim kamen, galt ihm und voll Freude eilten sie zu ihm. Anfangs war die Unterhaltung von Schüchternheit nicht ganz frei; doch nach der ersten Viertelstunde herrschte bereits die größte Vertraulichkeit. Benjamin und Jakob, die beiden Söhne des Rabbi Pineas, erzählten, was sie jetzt lernten und daß der Vater versprochen, so bald Gabriel etwas kräftiger, werde auch er mit ihnen lernen und sie überlegten mit ihm, wie sie alles mit ihm wiederholen wollten. Gabriel war außer sich vor Freude, sein sehnlichster Wunsch war der Verwirklichung nahe und die Unterhaltung mit den muntern Knaben hatte auch in ihm alle seine frühere Lebhaftigkeit wieder erweckt. Als die Eltern hereintraten, waren sie nicht wenig überrascht über die vorteilhafte Veränderung, die die Unterhaltung der Kinder be-