Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1877)
- Date
- 1877-04-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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397 „Aber es ist doch wahr, „Vater" fiel Jakob ein „sie ist doch blind gewesen und Du hast sie geheilt." „Nicht ich, mein Sohn; zu heilen vermag nur Derjenige, der die Krankheit gesendet; sehend macht nur Er, der das Auge geschaffen. Der Arzt ist nur das Werkzeug, der Bote Gottes, durch das zuweilen Er Genesung sendet." „Ich versteh' das nicht;" versetzte Tirza etwas unmuthig „aber bitte, lieber Vater, ich habe Gabriel so lieb, versuch' es doch nur einmal, ob Du seine Augen wieder gesund machen kannst, Du kannst ja bei ihm auch so'n Werkzeug sein." Die Brüder lachten, aber der Vater versicherte, daß es sein sehnlichster Wunsch, ihrem Verlangen entsprechen zu können. „Du mußt nur nicht so aufgeregt sein, liebes Kind," wandte er sich an Gabriel, der am ganzen Körper bebend, dasaß; „ich hatte es mir schon längst vorgenommen, im Laufe der nächsten Tage Deine Augen zu untersuchen. Doch Du darfst Dich nicht eitlen Hoffnungen hingeben; ist eS der Wille des Höchsten, das Licht der Augen Dir wieder zu verleihen, so wirst Du Sein Geschenk mit Dank entgegen nehmen; hat jedoch Sein heiliger Wille anders über Dich verfügt, so wirst Du mit demselben Gottergebenen Herzen tragen, was Seine Vaterhuld Dir sendet." Gabriel erwiederte Nichts, doch er preßte krampfhaft die Hand der Mutter, die die seine voll Theilnahme ergriffen hatte. Mehrere Tage waren verstrichen, der Vater hatte die kranken Augen untersucht und das Uebel nicht unheilbar gefunden; doch er theilte seine gegründete Hoffnung dem Blinden noch nicht mit, da jede Erwähnung der Möglichkeit seiner Genesung eine nervöse Reizbarkeit bei ihm hervorrief, die der Genesung selbst nur nachtheilig sein konnte. Der Arzt hielt es daher gerathen, die Kur noch auf einige Zeit hinauszuschieben, um den Knaben zuvor ruhiger und kräftiger werden zu lassen. Der Winter neigte sich zu Ende und Gabriel trug sich mit der Hoffnung, der Vater werde nun bald die so heiß ersehnte Operation unternehmen; doch er hatte bereits gelernt, mit Ruhe und Fassung diesem Moment entgegenzusehen. Es war gegen Abend, die Knaben befanden sich plaudernd im Familien-Zimmer; der Vater im anstoßenden Zimmer, wo er seinen Studien oblag und auch Leidende, die seines Rathes begehrten, zu empfangen pflegte. Die kleine Tirza, die sich das Vorrecht nahm, zu allen Zeiten bei ihm aus- und einzugehen, kam eben aus seinem Zimmer, und da sie die Brüder gewahrte, vergaß sie, in der Eile sie zu begrüßen, die Thür zu des Vaters Zimmer zu schließen. Niemand beachtete es; Benjamin erzählte eben eifrigst eine höchst intereffante Geschichte, der die Andern mit der ihr gebührenden Aufmerksamkeit lauschten. Plötzlich sprang Gabriel auf, an seine Blindheit vollständig vergessend, stürzte er der Richtung zu des Vaters Zimmer zu; die erschrockenen Geschwister ihm nach und es gckarrg ihnen, ihn am Fallen zu verhindern, denn ec war gegen den Tisch gerannt und davor zurückprallend' taumelte er haltlos umher. „Um Gott! was ist Dir?" rief Benjamin. „Da drinnen — da drinnen —" stammelte der Blinde „wer spricht da?" „Ein Fremder ist beim Vater" entgegnete Tirza. „Wahrscheinlich ein Kranker" ergänzte Jakob. „Ein Kranker" murmelte Gabriel „ein Kranker — aber. —" In diesem Augenblick vernahm man die Stimme des Fremden noch lauter, er schien im Begriff, sich zu empfehlen — einen gellenden Schrei ausstoßend stürzte Gabriel in Zuckungen zu Boden. Voll Entsetzen schrien die Kinder nach Hilfe und während Benjamin sich um den Leidenden bemühte, eckten die Andern hinaus, die Eltern herbeizurufen. Jakob stürzte in des Vaters Zimmer. „Vater, Vater!" schrie er voll Angst, „komm geschwind! sonst stirbt er." Die Gegenwart des Fremden vollständig vergessend , folgte der erschreckte Arzt eilends dem Rufe. Voll Theilnahrpe schaute der Fremde dem davoneilenden Knaben nach, ein tiefer Seufzer hob seine Brust, „o meine Söhne! — meine Söhne! — flüsterte er schmerzvoll und entfernte sich langsam. Es war ein Mann, der die Mitte der Dreißiger kaum überschritten, die tiefen Furchen seines Angesichts schienen nicht die Jahre, sondern nur Schmerz und Kummer gezogen zu haben. Er ist uns nicht ganz fremd, dieser Mann, wohl war es finstere Nacht als wir ihm einst auf einen Moment begegneten. Doch dieser Moment war der schwerste, der verhängnißvollste seines ganzen Lebens. Erst nach mehreren Stunden erholte sich Gabriel; der Arzt hatte den Kindern untersagt, ihn um die Ursache seiner plötzlichen Aufregung zu befragen, und von selbst äußerte er sich lange Zeit nicht darüber. Erst nach mehreren Wochen vertraute er Benjamin, er habe geglaubt, die Stimme seines verstorbenen Vaters zu vernehmen. (Fortsetzung folgt.)