Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1877)
- Date
- 1877-04-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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392 Unterdessen waren die schwedischen Reiter, die den flüchtigen König verfolgten, bis an die Stelle gekommen, wo dieser seinem zusammensinkenden Pferde den Kopf abgeschlagen hatte. Staunend sahen sie die Spuren von August's kräftiger Hand. „Das ist ein Skanderbcg Streich ^)," sagte der Rittmeister von Rhönskild, der an der Spitze der verfolgenden schwedischen Eskadron stand. „Er muß zu Fuß weiter geflohen und kann nicht weit gekommen sein. Durchsuchen wir den Forst; er wird sich irgendwo im Felde versteckt haben." Das ganze Gehölz wurde sorgfältig abgesucht, natürlich ohne Resultat. Die Eskadron setzte ihren Weg fort und kam nach Nadomow. Sie erbrachen die verrammelten Häuser und durchsuchten jede Hütte. Endlich kamen sie auch in das Wirthshaus. Als der Rittmeister in die Wirthsstube trat, betrachtete er erstaunt die zwei am Tische sitzenden Männer. ,,Wer seid Ihr?" herrschte er sie an. „„Ich heiße Behrend,"" sagte Rabbi Bärmann, „„und bin aus Halberstadt."" „Halberstadt? Zu welchem Lande gehört das?" „„Zu Kurbrandenburg."" „Was thut Ihr in diesem Lande?" „„Ich treibe einen Pelzhandel und bin zum Einkäufe hier; aber der Krieg ist meinen Geschäften hinderlich; habe leider noch nicht viel einkaufen können. Dieser Mann da heißt Jonas; er ist mein Compagnon; er ist aus Kalisch in Polen gebürtig. Der arme Mann ist leider stumm."" „Und warum habt Ihr Euch einen stummen Compagnon gewählt?" „ „Ich bitte Sie, gnädiger Herr General..." " „Ich bin kein General, ich bin Rittmeister." „„Nun, so werden Sie noch General werden! Der gnädige Herr ist noch jung. Doch, was wollte ich sagen? Ja, warum ich mir einen stummen Compagnon gewählt habe? Ich bitte Sie, ein stummer Compagnon ist besser als ein ^geschwätziger. Und zudem bin ich allein Geschäftsmann genug; aber mein stummer Assvcie hat das Geld, und ich bin ein armer Mann; so ergänzen wir einer den Andern."" 6» Lkcrnderbeg,;u deutsch: Fürst Alexander. Der Beiname Dkandcrbcg gilt bei bcu Türken als die Bezeichnung eines großen Kriegshelden; diese Bezeichnung war;u jener Zeit der häufigen Türkenkriegc sprichwörtlich gewordeil. — Lamberty, Memoiren deS 18. Jahrhunderts. „Woher kommt Ihr?" „„Bon Rhadvm."" „Ist Euch nicht ein großer, schöner Mann in Generals-Uniform begegnet?" „„Gewiß! Er lief sehr eilig; als er unfern Wagen sah, rief er uns an. Ich aber befahl meinem Johann, die Pferde anzutreiben."" „Und warum habt Ihr ihn nicht angehört?" „„Ich will es Euch anvertraueu, gnädiger Herr Rittmeister; ich fürchte, es war der König von Polen; ich habe ihn einmal gesehen, als er vor vielen Jahren, noch als Kurprinz, einmal mit meinem allergnädigsten Herrn Kurfürsten im Harze auf die Jagd ging. Halberstadt liegt nämlich am Fuße des Harzes. Und weil ich glaubte, den König in dem flüchtigen General zu erkennen, da dachte ich mir: der König von Polen hat die Schlacht verloren, der König ist auf der Flucht, der König wird verfolgt, und wenn wir ihn in unfern Wagen nehmen, da kommen die Herren Schweden auf ihren schnellen Rossen und holen uns ein und hauen uns zusammen. Da rief ich dem Johann zu: Johann, schnell, eilig weiter, nicht stille gehalten!"" „Sprecht Ihr die Wahrheit, Jude?" „„Die volle Wahrheit! gnädigster Herr Rittmeister!"" „In welcher Richtung floh der Mann, den Ihr für den König hieltet?" „„In der Richtung nach Rhadom."" Der Rittmeister eilte hinaus und gab seinen Leuten die nöthigen Befehle. Nach wenigen Mi» nuten hatten die schwedischen Reiter das Dorf verlassen. Der König umarmte den Juden. „Du hast mir Leben und Freiheit gerettet," sagte er. „Das werde ich Dir nie vergessen. Ewig, ewig werde ich Dir dankbar sein." „„Ich habe nur meine Pflicht gethan,"" entgegnete Rabbi Bärmann. „Ich werde Dir ewig dankbar sein!" wiederholte der König. Die Ewigkeiten pflegten bei August nicht lange zu währen; er spendete Gunst und Gaben in reicher Fülle; aber auf die Dauer durfte man weder auf seine Hnld noch auf seine Dankbarkeit zählen. (Fortsetzung folgt. Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Rcdaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Lc Roux scheu Hofbuchhandlung. I. Gottsleben'S Buchdruckerei (Maiuzcr Anzeiger).