Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1877)
- Date
- 1877-04-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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391 einfallen und plündern würden. Bor dem jüdischen Wirthshause in der Mitte des Dorfes hielt die Kutsche ded Königlichen Residenten. Rabbi Bärmann stieg aus, während der König im Wagen zurückblieb. Rabbi Bärmann klopfte an die verschlossene Hausthür. Niemand regte sich im Innern des Hauses; es schien ganz ausgestorben. „Lemaan Haschem! um Gotteswillen," rief der Resident, „öffnet, öffnet! Es handelt sich um Sekonauß Nefoschauß, um Lebensgefahr!" Auf die hebräischen Laute hin wurde ein kleines Fenster geöffnet. „Wer seid Ihr?" fragte eine Stimme. „„Bärmann aus Halberstadt!"" „Rabbi Bärmann? Gesund sollt Ihr sein und leben hundert Jahr! Wo kommt Ihr daher?" „„Ich wills Euch gern erzählen. Oeffnet zuvor!"" Nun hörte man drinnen ein schreckliches Rumoren. Allerlei schwere Gegenstände, Schränke, Tische, Kisten wurden von der Hausthüre abgerückt , die sich endlich dem ungeduldig Harrenden öffnete. Rabbi Bärmann eilte an den Wagen, machte den Kutschenschlag auf und sagte: „Kommt heraus, Jonas, wir wollen in das Haus treten!" Und siehe da, aus der Kutsche stieg ein Mann mit einem dreieckigen Hute auf dem Kopfe, mit einem blauen Frack mit silbernen Knöpfen und langen Schößen bekleidet. Rabbi Bärmann hatte dem Könige seinen Reisekoffer zur Verfügung gestellt, und König August hatte die Kleider' seines Residenten angethan; aber sie paßten ihm schlecht, und man bemerkte die Verkleidung auf den ersten Blick. Als der König und der Resident in die Wirthsstube getreten waren, sagte der Letztere: „Das geht nicht! Wir müssen an eine andere Verkleidung denken!" Dan« fragte er den Wirth: „Wie heißt Ihr?' „„Jsserle."" antwortete dieser. „Hört, Rabbi Jsserle, geht an den Wagen und holt die Kleider herein, die darin ausgestreut liegen." Der Wirth that, wie ihm geheißen. Bald kam er wieder herein und brachte die Uniform des Königs. „Ribaunau schel Aulom. Herr der Welt," sagte er, „das funkelt ja von Gold und Edelsteinen." „„Verbergt diese Kleider, Rabbi Jsserle, und wenn Alles gut vorüber ist, so sollen Euch diese Kleider und Waffen gehören; sie sind mehr werth als Euer Haus und alle Eure Branntweinvorrälhe. Und nun holt Eure Schabbes-Kleider herbei! Ihr seid groß und stark, und Esre Kleider werden meinem Freunde Jonas da besser passen als die meinigen."" „Jonas? Der heißt nicht Jonas und der ist nicht gewallt (beschnitten)!" ., „Ihr seid klug, Rabbi Jfferle; aber thut wie ich Euch gesagt!"" Der Wirth entfernte sich mit den Kleidern des Königs, und die Wirthin brachte die besten Kleider ihres Mannes herbei. König August warf Frack, Weste und Dreimaster ab und hüllte sich in den schwarzseidenen Schubbez (langer und weiter Rock) des Wirthes, setzte — nicht ohne Widerwillen — den Stcemel (die Pelzmütze) auf. „S^ön, schön," sagte Rabbi Bärmann, „daS steht Euch gut, Jonas! Aber Euer glattrasirtes Gesicht paßt nicht zu dieser Kleidung!" „,.Die Kinder,"" sagte die Wirthin, „„haben zu Purim einen falschen Bart gehabt; ich willihn herbeiholen."" Wenige Minuten nachher brachte sie einen stattlichen , falschen Bart, mit dem Rabbi Bärmann den König bekleidete. Der Wirth kehrte zurück und sah verwundert die Metamorphose. „Bringt uns zwei Sephorim!" rief ihm Rabbi Bärmann zu, „und Ihr, Frau Wirthin, sorgt für einen kalten Imbiß." Der Wirth brachte ein großes Machsors, in' groß Folio, herbei und eine nicht minder große Zeönnoh Urennoh^). Rabbi Bärmann lächelte, als er die beiden Bücher sah. „Gemorauß, Talmudexemplare," sagte er, „wären mir lieber gewesen; allein ich hoffe, die schwedischen Reiter werden, wenn sie kommen, nicht eine Gemoroh von einer Zeönnoh Urennoh unterscheiden können. — Ihr aber, Jonas. setzt Euch an den Tisch und schlagt das Buch auf, und was Ihr mich thun seht, das thut Ihr nach!" Rabbi Bärmann setzte sich dem Könige gegenüber und schaukelte gewaltig mit seinem Oberkörper, dabei die Melodie summend, die beim Studium des Talmuds gebräuchlich ist. Der König machte die Bewegungen getreulich nach; aber das Summen der Melodie wollte ihm nicht gelingen. „Mein armer Freund ist stumm," sagte Rabbi Bärmann zu den Wirthsleuten. Der König verstand den Wink und hörte auf zu summen. 1) Gebetbuch. 2) Andachtsbuch für Frauen und Ungelehrte.