Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1877)
- Date
- 1877-04-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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373 Feuilleton. Aus dem Mittklaltkr. Von Friedrich RoLt. X. Gabriel that wie ihm geheißen und der alkoholreiche Trank machte bald die unerträgliche Kälte verschwinden, versetzte aber den Knaben in eine Art von Betäubung, die jedoch allmählich in einen ruhigen Schlummer überging, der nicht einmal durch die stoßende Bewegung des auf der holprigen Straße dahin fahrenden Wagens gestört wurde. Die übergroße Anstrengung batte die Kräfte des zarten Kindes vollständig aufgerieben und konnte der Schlaf, der bis in den Nachmittagstunden anhielt, nur wohlthätig für ihn sein. Der Hund, so wie er gesehen, daß sein Herr sich im Wagen befand, war diesem nachgesprungen, und der menschenfreundliche Bauer inreressirte sich zu sehr für das treue Thier, als daß er ihm einen Platz hätte verweigern mögen. So blieb der Hund an Gabriels Seite, dessen Schlummer er wieder wie sonst bewachte. Es war Mittagszeit, als der Wagen die Grenze passirte und einige Stunden später hielt der Bauer vor dem Wirthshaus des nächsten Städtchens. Gabriel, durch das Aufhören der schaukelnden Bewegung erweckt, mußte sich nun entschließen, den Wagen zu verlassen. „Werdet euch doch nicht fürchten, Junker, ein , Paar Stunden hier auf mich zu warten; habe zu thun im Ort und kann darum nicht bei euch bleiben. Aber der Wirth da drinnen ist ein braver Mann, der Christenpflicht kennt; er wird schon sorgen, daß euch nichts geschieht und vor Abend komme ich zurück und dann fahren wir mitsammen nach Haus, wo ihr doch ein besseres Bett haben sollt, als in der verwichenen Nacht." Mit diesen; Worten geleitete der freundliche Mann seinen Schützling in die Schenke, empfahl ihn mit dringenden Worten der Obhut des Wirthes, der vor , dem Hause beschäftigt war und entfernte sich dann ' mit der wiederholten Versicherung, ihn baldmog-! lichst wieder abzuholen. j Das Schenkzimmer war leer, der Wirth wies seinen blinden Gast einen möglichst bequemen Sitz j an, stellte kalte Fleischspeise und Brod in sein > Bereich und forderte ihn auf, sich nach der bej schwerlichen Reise zu stärken, dann verließ er das! Zimmer.! Gabriel war allein, nur sein treuer Hund an seiner Seite. Der Knabe aß das Brod. Filax erhielt das Fleisch und nun gesättigt und gekräftigt durch den langen Schlaf, trat die schaurige Haltlosigkeit seiner Lage wieder greller und deutlicher vor seine zagende Seele. Wohl fühlte er sich versorgt für diesen Tag, doch wenn am folgenden der brave Bauer ihn nach W. führen würde — Er hatte W. genannt, weil er dort Glaubensgenossen zu treffen hoffte, doch wie zu diesen gelangen? — kannte er doch nicht den Namen eines einzigen. — Beschäftigt, Pläne zu ersinnen, einer immer unausführbarer als der andere, wurde er durch das Oeflnen der Thür unterbrochen; schon wähnte er, sein treuer Beschützer sei bereits zurückgekehrt , als er eine ihm unbekannte Männerstimme Brod und Gerstensaft fordern hörte. Nach einigen Minuten brachte der Wirth das Verlangte und kehrte dann zu seiner Arbeit zurück. Der Neuangekommene wrr ein Mann den Vierzigern nahe, von ziemlich hohen, doch etwas nach vorn geneigtem Wuchs, dunklen Teint und schwarzen krausen Haar; sein lebhafter Blick verrieth Intelligenz, die hohe leicht gefurchte Stirn verrieth den Denker. Bevor er sich zu Tisch setzte, wo die Erfrischung seiner harrte, begab er sich noch einmal hinaus, um zu sehen, ob sein Pferd auch wohl versorgt. Dann erst, nachdem er sich hiervon überzeugt, trat er wieder in's Zimmer, den einfachen Imbiß einzunehmen. Gabriel, mehr im Hintergründe des weiten Raumes, war von dem Fremden, der den Rücken ihm zugewandt am Tische saß, nicht bemerkt worden und, versunken in trostlosen Grübeleien, hatte er auch die Gegenwart seines unbekannten Gefährten beinahe vergessen. Da war's ihm plötzlich, als höre er hebräische Worte flüstern; er sprang auf, die Hände fest auf das laut pochende Herz gepreßt, lauschte er mit angehaltenem Athen! — er hatte sich nicht getäuscht, ja das waren die theuren so lange nicht mehr vernommenen Laute; kein Zweifel ein Jude war's, der das Tischgebet verrichtete. Mit vorgestreckten Händen sucht er tappend " dem Betenden zu nahen; er erreicht den Tisch und auf ihn sich stützend, erwartete er zitternd das Ende des Gebets. „Heil dem Mann der auf Gott vertraut und dessen Vertrauen der Herr ist!" sprach jetzt der Fremde kaum hörbar; doch Gabriel, dicht an seiner Seite lehnend, hatte ihn verstanden und wußte nun, daß er nicht mehr stören würde. Bittend, die Hände erhoben, versuchte er zu reden; doch die Sprache versagte ihm, kein Laut kam über seine bebenden Lippen. In der furchtbarsten