Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1877)
- Date
- 1877-04-18
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2446951-2447695-2447712--13623-2469498- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
374 Erregung neigte er sich zu der Seite, wo er den Glaubensgenossen wußte, und erfaßte dessen Hand. Erstaunt über das seltsame Gebühren des schönen Knaben, den er leicht als Blinden erkannte, und von dessen Anwesenheit er bisher keine Ahnung gehabt, redete der Fremde ihn freundlich an. „Was ist Dir, mein Kind? was kann ich thun für Dich?' „Helft!" stieß der Knabe mühsam hervor, „rettet mich!" „Dich retten mein Kind? das thu' ich von Herzen gern. Aber was ist Dir? sprich!" Gabriel rang nach Fassung, und mit unsäglicher Anstrengung gelang es ihm endlich, sich in so weit zu sammeln, um einige zusammenhängende Worte zu stammeln. „Ihr seid Jude Herr! — ich bin auch einer — aber man hat mich in's Kloster gebracht — wollt mich taufen da bin ich davon gelaufen. — O helft mir! — rettet mich! ich weiß nicht wohin ich soll." Voll Erstaunen hörte der Andere ihm zu. „Und wer ist mit Dir, Kind? wo ist dein Begleiter?" „Hier," erwiederte der Knabe, den Kopf des treuen Thieres, der sich wie immer dicht an seiner Seite befar-d, an sich drückend, „mein Hund hat mich begleite!." „Und wer noch? „Kein Mensch. Gott hat mich geleitet." Erschüttert - nicht im Stande seiner Bewunderung. seiner Rührung Ausdruck zu leihen, zog der Mann den Knaben fest an sich. „Sei ruhig, Kind, Du bist gerettet, ich werde Dich nimmer von mir lassen." Ein Strom von Thränen entstürzte den lichtlosen Augen des Knaben. „O ich wußte es sa, Gott wird mich nicht verlassen!" ,,Er verläßt nicht, die aus Ihn bauen. Doch nun, mein Sohn, sag' geschwind, kennt man Dich hier?" „Niemand kennt mich. Ein Bauer fand mich früh auf der Landstraße, wo ich schlief. Er weckt mich, fragt mich, wie ich dorthin komm: ich sagt' ihm, daß ich das nicht weiß, daß aber mein Vater in W war'. Das ist aber nicht wahr, mein Vater lebt schon nicht mehr," fügte der Knabe bewegt hinzu. „Ich habe das nur so gesagt, weil ich nach W. wollte, weil dort Juden wohnen. Und der gute Mann hat mir auch versprochen, morgen mich dorthin zu bringen. Aber was wird das nützen, ich kenne Niemanden dort; und wenn er Dann sehen wird, daß ich ihn getäuscht." — „Ohne Sorgen, liebes Kind, das wird er nie erfahren. Jetzt bist Du mein Sohn. Wo ist aber der brave Mann?" „Er hat hier im Ort ein Geschäft, will aber bald kommen, mich abzuholen." „So wollen wir auf ihn warten. Jetzt sag' mir aber, mein Kind, wie heißt Du? ich muß doch den Namen wissen von meinem Sohn." „Gabriel ' flüsterte der Knabe und drückte die Hand des Mannes, der ihm Vater zu sein versprochen, an seine Lippen. Liebkosend streichelte der Mann die glühenden Wangen des Kindes. „Tu hast einen schönen Namen, Gabriel, aber Du hast auch gezeigt, daß Du ihn verdienst. Doch horch, da fragt Jemand nach dem blinden Knaben; das gilt Dir, ist das nicht der Mann, auf den wir warten?" „Ja er ist's, ich kenne ihn an der Stimme." In der That ging gleich darauf die Thür auf und der Bauer trat herein; überrascht blieb er stehen, als er seinen Schützling in den Armen eines Mannes traf. „He Junker, habt ihr Gesellschaft gefunden?" Der Jude trat ihm rasch entgegen. „Ihr seid wohl der brave Mann, der mein theures Kind gerettet.' „Euer Kind ist's" ries der Bauer überrascht, „gelt das hätt' ich nimmer gedacht." „Ich schulde euch vielen, vielen Dank." „Sprecht rncht davon, Herr, was ich gethan Hab', war nur Christenpflicht." „Gott wird's Euch lohnen, ich kann's nicht; aber freuen würde es mich, wenn Ihr diese Kleinigkeit von mir nehmen wolltet." 3Jiit diesen Worten reichte er ihm eine für jene Zeit ziemlich ansehnliche Summe Geldes. Der Bauer meiner:? sich zwar anfangs; ließ sich jedoch schließlich überreden. Nachdem auch Gabriel dem wackern Manne die Hand gereicht und seinen innigsten Dank ihm ausgesprochen hatte, geleitete ihn sein neuer Beschützer aus dem Wirths- Haus-?. Vor demselben harrte bereits das Fuhrwerk. Gabriel ward hineingehoben, sein Hund sprang wie immer hinter drein, der Besitzer des Wagens folgte lächelnd und nahm an der Seite seines soeben adoptirten Kindes Platz, der Wagen rollte davon. „Nun Gabriel" sprach sein Begleiter, „nun mußt Du mir vor allem mittheilen, woher Du bist, welcher Familie Du angehörst, und hauptsächlich Deine jüngsten Erlebnisse genauer mir erklären." Gabriel, der seine Fassung jetzt vollkommen wieder erlangt hatte, entsprach diesem Begehren und rückhaltlos theilte er seinem Beschützer mit, was er von seiner Familie und von seinem Schick-