Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1877)
- Date
- 1877-04-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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368 gönnt sich nicht Rast und Ruhe; unverweilt rückt er gegen Rußland vor, um Narwa zu entsetzen, das eine Armme von 80,000 Russen eingeschlossen hält. Mit nur 8,000 Mann schlägt Carl das zehnfach überlegene Heer und nimmt es größtentheils gefangen. Dann wandte er sich gegen den Feind, den er am meisten haßte, gegen den König von Polen; denn August war ein naher Verwandter, ein Cousin*) des Königs von Schweden, und hatte ihn dennoch verderben wollen — das konnte ihm Carl nicht verzeihen; außerdem haßte Der jugendliche Held, der ein eifriger Protestant war, in August den Renegaten und endlich verzieh der sittenstrenge Carl dem galantesten Fürsten seiner Zeit seine wechselvollen Liebesabenteuer nicht. König August war mit seiner Armee in Liefland eingefallen, und hatte, nach Patkuls Versicherung geglaubt in der Hauptstadt Riga mit offenen Armen empfangen zu werden. Statt dessen verschloß Riga die Thore vor ihm und vertheidigte sich auf's Aeußerste. Da eilt König Carl mit seinem Heere herbei, entsetzt Riga, schlägt die Sachsen und nimmt beinahe König August gefangen. König August sucht den Frieden, aber Carl weist ihn stolz zurück; Graf Vitzthum, der als Friedensbote erscheint, wird gefangen genommen und drei Monate lang gefangen gehalten. Jetzt sendet August einen sonderbaren Diplomaten an den Schwedenkönig, die Gräfin Aurora von Königsmark. Diese merkwürdige Frau, die Mutter des später so berühmt gewordenen französischen Feldherrn, des Marschalls Moritz von Sachsen, war einst die Geliebte des wankelmüthigen August gewesen. Sie galt für die schönste Frau der Welt und blieb dem Könige von Polen eine treue Freundin, als dieser ihr längst seine Gunst entzogen hatte. Sie, eine Landsmännin des Königs von Schweden, die er von seiner Kindheit her kannte, suchte den siegreichen Helden in seinem Hauptquartier Würzau bei Mitau auf; aber Carl ließ sie gar nicht vor sich kommen. Die Gräfin suchte nun dem Könige in einem Hohlwege zu begegnen, wo er ihr nicht ausweichen konnte; er zog zwar grüßend den Hut, wandte aber, ohne ein Wort zu sprechen, sein Pferd um. In Warschau wartete König August verzweiflungsvoll auf die Rückkehr seiner Freundin — sie hatte nichts erreicht. Statt des erhofften Friedens entbrennt der Krieg aufs Neue; aufs Neue werden die Sachsen, bei Clissow, *) Die Mütter der beiden Könige waren Schwestern. geschlagen; 6000 Mann werden gefangen genommen, der König mußte fliehen, verfolgt von den schwedischen Reitern. Unterdeß war Rabbi Bärmann dem Rufe des Königs nach Dresden gefolgt; aber er traf August nicht mehr und fand Ordre vor, dem Könige nach Polen nachzureisen. Da das Reisen in den Gegenden, in denen der Krieg wüthete, sehr unsicher war, so mußte Rabbi Bärmann sehr vorsichtig sein und konnte nur langsam seine Reise fortsetzen. Unterdeß waren die Schlachten bei Riga und bei Clissow geschlagen, die für König August einen so unglücklichen Ausgang genommen hatten. Auf seinem herrlichen Pferde war August aus der Schlacht entkommen; im rasenden Galopp jagte er dahin, seine Verfolger weit hinter sich lassend. Aber die Kräfte versagen dem edlen Rosse; da steigt August ab, betrachtet mit wehmuthsvollem Blicke das treue Thier und spricht: „Wenn ich auch in Gefangenschaft gerathe, so sollst Du doch, mein edler Renner, nicht meinen Feind tragen." Dann zieht er sein Schwert und haut mit einem einzigen Streich dem Pferde den Kopf ab.*) Wahrend er noch das verendete Thier betrachtet, hört er hinter sich eine Stimme: „Solche Streiche kann nur mein König vollführen!" August dreht sich um und erkennt den Residenten, der soeben seinen Wagen verläßt, um sich zu dem Könige zu begeben. „Behrend," ruft der König, „es ist Alles verloren! Meine Armee ist geschlagen und gefangen; bald werden die schwedischen Reiter hier sein und auch mich gefangen nehmen!" „„Nicht doch, Majestät! Ich, ich rette Sie! Steigen Sie schnell in meinen Wagen."" „Es ist vergebens. Meinst Du, daß Dein Wagen so schnell davon fahren könnte, daß uns die Reiter nicht einholen?" „„Ich beschwöre Eure Majestät! Steigen Sie schnell ein und überlassen Sie das Uebrige mir." Der König stieg ein. „„Nach dem nächsten Dorfe!"" rief Rabbi Bärmann dem Kutscher zu, „„vor das jüdische Wirthshaus!" “ Der Kutscher peitschte die Pferde, und der Wagen fuhr davon. (Forts, folgt.) *) Lamberty, Mcmoirien des 18. Jahrhunderts. Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schcn Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).