Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1877)
- Date
- 1877-04-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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362 Zeit zu widerstehen. Der Eckstein an der Westseite mißt 30 Fuß 10 Zoll in der Länge bei 6*/s Fuß Breite; manche andere wechseln zwischen 20 und 27 Fuß Länge bei 5 Fuß Dicke. Aber nicht allein der große Umfang dieser langen Quadersteine erregt die Verwunderung des Beschauers, sondern auch die eigenthümliche „Fugenränderung" derselben, in die Kanten geschnittene Streifen, welche der Wand das Aussehen geben, wie wenn sie getäfelt sei. Der obere Theil der Mauer ist neueren Ursprungs; der untere Theil hingegen ist unzweifelhaft ein Uederrest des Salomonischen Tempelbaues; sie ist von der Zerstörung durch Nebuchadnezar verschont, beim Bau des zweiten Tempels wieder benutzt worden und hat dem Zerstörungswerke der Römer Trotz geboten als ein ewiger Zeuge der Größe und Erhabenheit des ersten Heiligthums. Diese Meinung wurde von den Beobachtern zu allen Zeiten ausgesprochen. Der um die Topographie Jerusalems hochverdiente Dr. Robinson, dessen Forschungen sich durch besondere Genauigkeit auszeichnen, sagt: Es scheint keinem Bedenken zu unterliegen, die Westmauer bis in die Zeiten Salvmo's oder seiner Nachfolger zurückzusetzen, welche nach Josephus, hier ungeheure Mauern, „unbeweglich für alle Zeiten" erbauten. Jahrhunderte' auf Jahrhunderte sind seitdem dahingerollt , dennoch dauern diese Grundlagen fort und sind unbeweglich wie in ihrem Anfang. Auch gibt es nichts in der heutigen physischen Beschaffenheit dieser Ueberbleibsel was sie hindern könnte, so lange fortzudauern als die Welt bestehen wird. Es ist der Tempel des lebendigen Gottes und gleich den ewigen Bergen, auf welchen er stand, wurde sein Grund für alle Zeiten gelegt. Die Westmauer ist den Israeliten auch nach der Zerstörung des heiligen Tempels stets ein Gegenstand großer Verehrung geblieben. Einst ging der große Rabbi Akiba mit einigen Freunden zu diesen Ueberresten des Tempels. Als sie dorthin gelangten, brachen sie in lautes Klagen aus und sprachen: „Unser Heiligthum, unser Ruhm, wo unsere Väter Dich einst gepriesen haben, ist verbrannt und alle unsere Herrlichkeit zerstört." Da fuhr ein Fuchs durch das verwüstete Gemäuer an ihnen vorüber. Dieser Anblick erhöhte ihre Trauer, und sie fingen an, bitterlich zu weinen. Rabbi Akiba aber lachte. „Wie kannst Du," fragten sie ihn erstaunt, „lachen, wenn Du siehst, wie sich erfüllet die Verheißung: Auf dem verwüsteten Berge Zions ziehen Füchse einher!?" Er aber sprach: „Eben das ist mir eine Bürgschaft, daß auch erfüllt werde die andere Verheißung: Ich, der Herr, werde Zion wieder aufbauen!" Bis heute haben sich die Israeliten, oft durch große Opfer, diese geheiligte Gebetstätte zu erhalten gewußt. (Fortsetzung folgt.) Ichmden drs Consuiats des -rutsche» Reichs M Palästina an de« Redaeten» des »Israelit". Jerusalem, den 14. März 1877. Hochgeehrter Herr Doctor! Das freundliche Interesse, welches Sie vor Jahren dem hier gemachten Versuche der Gründung eines Palästina-Museums gewidmet und durch Ueberlassung eines werthvollen Geschenkes auch bethätigt haben, flößt mir den Muth ein, mich abermals direct an Sie zu wenden, heute allerdings in einer Frage, welche die in Ihrer geehrten Zeitung vertretenen Interessen direct betrifft. In Nr. 7 des „Israelit" v. 14. v. M , lese ich unter der Rubrik Deutschland, Mainz, von einem Berichte über die hiesigen Talmud-Thora- Schulen, in welchem schließlich zum Besten dieser Anstalten an den Wohlthätigkeitssinn der deutschen Glaubensgenossen appellirt wird. Ich kann, Verehrtester Herr Redacteur, das in diesem Berichte Gesagte nur bestätigen nnd muß die daran geknüpfte Bitte befürworten. Ich habe selbst die Talmud-Thora-Schule der Aschkenasim- Peruschim wiederholt besucht und mich davon überzeugt, daß die erwähnten Lehrfächer vorgetragen werden. Weßhalb aber diese Anstalt der deutschen Wohlthätigkeit besonders zu empfehlen ist, dafür gestatte ich mir zwei Gründe anzuführen. Einmal besitzt die hiesige israel. Gemeinde trotz ihrer beträchtlichen Größe und ihrer allgemeinen Armuth, leider noch immer kein Waisenhaus und nur eine Armenschute mit sehr geringen Mitteln; zweitens ist die Talmud-Thora-Schule nicht allein sehr verbesserungsfähig, sondern auch bedürftig. Denn wenn, wie oben erwähnt, auch in den genannten Lehrfächern wirklich unterrichtet wird, so ist dies noch nicht genug und die Schule leistet, wahrscheinlich aus Mangel an Mitteln, nicht soviel, als die Hauptschule einer so großen und intelligenten Bevölkerung leisten müßte. Bei den Lehrern und Leitern der Schule scheint der Grundsatz maßgebend zu sein, den auf S- 148 derselben Nr. des „Israelit", der Rabbi Hillel predigte*). Ich glaube nun aber nicht, *) Anm. der Red.: Es ist dort von Rabbi Hillel Wetsch,