Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1877)
- Date
- 1877-04-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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349 zu unterliegen? Wieder fuhr ein Schauer durch seine Glieder, denn so oft er dieser Möglichkeit gedachte, wars ihm immer, als höre er seines Vaters Stimme ihm fluchen. Sein Entschluß war gefaßt. — „Auf Deine Hilfe, o Gott, hoffe ich, ich hoffe, o Gott, auf Deine Hilfe, o Gott, auf Deine Hilfe hoffe ich!" Mit diesen leise geflüsterten Worten vergrub er eine feiner Hände in die langen wolligen Haare seines Pudels. „Fylax, zum Tannenwäldchen!" Augenblicklich setzte das treue Thier sich in Trab und Gabriel, sich vollständig auf seinen vierbeinigen Führer verlassend, schritt klopfenden Herzens, doch voll Muth an seiner Seite. Vollkommen rechtfertigte das kluge Thier das in ihn gefetzte Vertrauen; sicher geleitete es seinen blinden Herrn durch die öden Straßen der Stadt, keine menschliche Seele begegnete ihnen. ES war eine milde mondhelle Nacht, nicht lange und Gabriel vernahm das Rauschen des Flusses und nach wenigen Minuten gewahrte er, daß er auf der hölzernen Brücke, die zum jenseitigen Ufer führte, sich befand, hatte er diese überschritten, so konnte er mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß der Hund, getreu der erhaltenen Instruktion, sich links wenden würde, denn dort lag das Wäldchen. Doch dieses zu erreichen, lag nicht indes Knaben Plan; er hatte es nur genannt, weil es außerhalb der Stadt sich befand und weil der Hund ihn schon wiederholt dorthin geleitet hatte; nun aber war's an ihm, den Wegweiser zu machen. Langsam, seinen Arm fest um den Hals des Hundes geschlungen, schritt er über die Brücke, gegen Ende derselben den Boden bei jedem Schritte sorgfältig prüfend. Kaum hatte er an dem Aufhören des Holzbodens wahrgenommen, daß die Brücke ihm im Rücken, als der Hund, wie er erwartet hatte, sich links wenden wollte; doch Gabriel, seinen Kopf fest an sich drückend, wehrte es ihm. „Gerad' aus, Filax!" rief er und um seine Worte verständlicher zu machen, hob er ein paar Steinchen vom Boden und schleuderte sie in der von ihm angegebenen Richtung weit fort. Der Hund hatte verstanden und raschen Schrittes eilte er mit seinem Gebieter weiter. Gabriel wußte, daß er sich jetzt auf der Landstraße befand, die sich fast gerade mehrere Stunden weit bis nahe zur Grenze erstreckte. „Munter, mein Filax! vorwärts, mein treues Thier!" und der Hund, dessen Haar er fest um feine Finger geschlungen, trabte rüstig mit ihm davon. Rastlos eilte er weiter und immer weiter. Zwei Stunden waren längst verflossen, bevor er auch Ermüdung empfand. Doch auch jetzt wollte er noch nicht rasten, nur mäßigte er seine Schritte und stützte sich im Gehen auf seinen treuen unermüdlichen Begleiter. Im langsamen Fortschreiten ließ sich auch besser überlegen, und Ueberlegung schien ihm dringend erforderlich. Wenn nun mit Anbruch des Tages die Straße belebter werden, wenn er Menschen begegnen und von ihnen angeredet werden würde, waS sollte er ihnen sagen? Lange konnte er zu keinem Entschlüsse gelangen. Doch die Erinnerung an seinen Vater, der, wie Alexander ihm mitgetheilt, nach W. geflüchtet und in W. gestorben war, veranlaßte ihn endlich, W. als das Ziel. das er zu erreichen wünschte, sich zu bestimmen. Doch was sollte er auf weitere Fragen antworten? Er wußte es nicht. Gott wird mir schon irgend einen guten Gedanken eingeben, tröstete er sich und schritt muthig, aber nicht mehr so rüstig, vorwärts Mehr als dr^i Stunden hatte er nun zurückgelegt, und fast Zweidrittel dieser Zeit in raschem Lauf, und sein zarter Körper war doch schon seit längerer Zeit an derartige Anstrengung nicht mehr gewöhnt. Endlich versagten die Füße ihm den Dienst, er fühlte, daß er nicht mehr weiter könne und warf sich erschöpft zur Erde. Nur einige Minuten wollte er ruhen; doch es war Nacht, die Natur forderte gebieterisch ihre Rechte. Ohne zu wissen, wo er sich befand, legte er sein glühendes Haupt auf die kühle Erde, drückte seinen Filax fest an sich und entschlummerte. Regungslos, als fürchte er durch jede Bewegung den Schlummernden zu stören, hielt sich der Hund neben ihm, ihn bewachend. Während der ganzen Nacht war die Luft unendlich lau gewesen, doch kurz vor Sonnenaufgang erhob sich ein kühler Wind und Thau fiel auf den jugendlichen Schläfer; dieser merkte jedoch nichts davon, denn sein Hund drängte sich noch dichter zu ihm, ihn mit seinem Körper erwärmend. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als ein Fuhrwerk desselben Weges, den Gabriel zurückgelegt, einher kam; es war ein Bauernwagen, der am vorigen Tage Getreide zur Stadt gefahren hatte und nun leer heimfuhr. Gabriel, noch immer schlafend, lag mitten auf dem Fahrweg; unfehlbar wäre er jetzt überfahren worden, hätte sein treues Thier ihn nicht geschützt, mit wildem Gebell sprang er den Pferden entgegen; weder das Zurufen noch die Peitsche des Bauern beachtend, warf er sich den Pferden vor die Füße, das Weiterschreiten ihnen so unmöglich machend. Mit lautem Fluche entschloß sich endlich der erbitterte Fuhrmann, vom Wagen zu steigen, seine Pferde von dem lästigen Hunde zu befreien; doch ein Schrei des Erstaunens entfuhr seinen Lippen, als er fast dicht vor