Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1877-04-11 · Heft 15 (11.4.1877) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 15 (11.4.1877)
Date
1877-04-11
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447695-2447711--13600-2469474
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

348 nahm er plötzlich eine theure. langentbehrte Stimme. „Gabriel! Gabriel!" rief's; er wandte sich um, sein Vater stand mit auSgebreiteten Armen ihm gegenüber. Mit lautem Jubelruf wollte er ihm entgegeneilen, da schien der Vater plötzlich das Kreuz auf des Sohnes Brust zu gewahren, ein herzzerreißender Weheruf entfloh seinen Lippen und seine Hände streckten sich abwehrend dem Sohne entgegen. Wie erstarrt wurzelten Gabriels Füße am Buden. Da zerriß der Vater sein Gewand und streute Asche sich auf's Haupt. „Wehe! wehe!rief er, „Acher! Acher!" und diese Worte fort und fort wiederholend stürzte er fort. Gabriel ihm nach. Wie vom Sturmwind getragen, eilte der Vater immer weiter und weiter über Berge und Thäler, durch Wiesen und Felder, Gabriel immer hinter ihm drein, doch ohne im Stande zu sein, ihn zu erreichen; doch endlich gelang es ihm, im rasenden Lauf den Rockzipfel des Entfliehenden zu erhaschen; Beide standen auf dem Gipfel eines nackten Felsens. Langsam wandte sich der Vater um, und der Sohn schaute in das verzerrte Antlitz eines sterbenden Greises. Gabriel wollte ihn mit seinen Armen umschlingen, aber wieder streckten sich die gekrümmten zuckenden Hände des Vaters abwehrend gegen ihn aus. „Acher! Acher! ich fluche Dir!" und der Greis brach zusammen And stürzte rücklings in den Abgrund und noch von der Tiefe herauf erscholl es: Fluch! Gabriel erwachte, kalter Schweiß bedeckte seine Siirn. sein ganzer Körper bebte. „Vater!" jammerte er, „Vater, nimm Deinen Fluch zurück!" Doch allmählich sich besinnend othmete er hoch auf. „Gottlob! es war sa nur ein Traum" — zwar schlummerte der Vater längst in kühler Erde, aber geflucht hatte er ihm nimmer. Doch die Ereignisse des Tages traten nun auch wieder vor sein inneres Auge; wieder vernahm er die freundlich überredenden Worte des Priesters, aber auch die entschiedene Versicherung desselben, daß er als Jude das Kloster nie verlassen werde. Eine unsägliche Angst erfaßte das Herz des unglücklichen Knaben; was sollte, was konnte er beginnen? ..lieber sterben als vom Glauben der Väter lassen", murmelte er halblaut vor sich hin. Aber man stirbt nicht so bald, und der Priester wußte so schlau zu überreden — ihn schauderte, denn wieder war'S ihm, als vernehme er in der Stille der Nacht des Vaters Fluch. Voll Verzweiflung rang er die Hände. Er hatte sich längst erhoben; es duldete ihn nicht länger im Bette; ohne eigentlich zu wissen, was er that, legte er die Kleider an. Was er wollte? er wußte es selbst nicht, an Flucht konnte der Blinde doch nicht denken — und doch war's ihm, als müsse er entfliehen. Plötzlich zuckte er zusammen, er hatte ein Bellen vernommen — sollte das sein Fylax sein? — sein Herz pochte hörbar, er glaubte mit Bestimmtheit, die Stimme seines Hundes zu erkennen. Aber wo war er? Das Bellen klang so nahe, vielleicht draußen im Corridor? An den Wänden tavpend wollte er die Thür erreichen, gelangte jedoch zum Fenster, hier aber vernahm er das Bellen noch lauter — kein Zweifel, der Hund befand sich vor dem Kloster im Freien. Das treue Thier hatte den ganzen Tag seinen Herrn gesucht und ihn nun endlich gefunden. Mit ungeheurer Anstrengung schob Gabriel das schmale Fenster in die Höhe und rief mit gedämpfter Stimme: „Fylax!" Der Hund brach in ein freudiges Winseln aus und sprang so hoch, daß er die hinausgestreckte Hand des Knaben mit seinem Kopfe streifte. „Ruhig. Fylax! ruhig!" flüsterte Gabriel. Das kluge Thier gehorchte augenblicklich. Gabriel stand noch immer am geöffneten Fenster; seine Stirn glühte, seine Pulse klopften sieberwild in heftigster Erregung; seltsame Gedanken zogen durch des Blinden Hirn. Der Hund war ihm so treu und war ein kluges verständiges Thier; mehrmals schon hatte er's gewagt, nur von ihm geleitet, die Brücke des Stromes zu überschreiten. Der Hund war ihm hierher gefolgt, doch war's nicht Gott, der ihn gesandt, vielleicht zu seiner Rettung hergesandt? — Sollte er's wagen? — Seine Zelle befand sich zu ebener Erde, das Fenster war nicht hoch — ein Sprung und er war draußen bei seinem treuen Hunde. Entschlossen richtete er sich auf. „Fylax!" rief er leise, der Hund schlug an; „ruhig" gebot der Knabe, schwang sich vorsichtig in sitzender Haltung auf das Fensterbrett und glitt dann langsam an der Mauer nieder. — Es war gelungen, er war im Freien, wedelnd umsprang ihn sein treues Thier und leckte ihm die Hände. — Doch was nun? — es war möglich, sogar wahrscheinlich. daß der Hund ihn zur Wohnung seines Vetters geleiten werde; aber dort war er schwerlich sicherer als im Kloster. Alexander war sein Feind, instinktiv hatte er es endlich errathen. Würde er ihn für diese Nacht auch bei sich aufnehmen, am folgenden Tage brachte er ihn sicherlich zum Priester zurück und dann würde man ihn besser bewachen, dann würde an Entkommen nie mehr zu denken sein. Jetzt mußte er fort, gleichviel wohin. Aergeres als hier konnte ihm nirgend drohen; wohl dachte' er, daß er sein Leben wage auf der Flucht; doch selbst wenn er's verlöre, war's nicht immer noch weit besser, als hier der Versuchung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.