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Der Israelit · 1877-04-06 · Heft 14 (6.4.1877) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 14 (6.4.1877)
Date
1877-04-06
Page
– (sequence 18)
Language
German
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334 ich ergebenst ersuche. Besagtes Mädchen, Rosa, 16jährige Tochter des hiesigen Handelsmannes Moses Gabriel hat, wie die Stammliste der „Jüdischen Elementarschule" Hierselbst nachweist, bis zu Ostern 1873 die Jüdische Schule Hierselbst besucht, dann 1 Jahr bei dem hiesigen Rabbiner und l/-2 Jahr bei dem Kaufmann Markus Hirsch Hierselbst conditionirt. Seit ungefähr einem Jahre befand sich das Mädchen im Elternhause und haben ihre Eltern ihr den freiesten Willen gelassen, (wofür sie jetzt von ihr belohnt worden), weil sie erstlich kränklich, dann, weil sie in Kurzem zu ihren Geschwistern nach Amerika auswandern sollte. (!) Die Eltern hatten keine Ahnung von den Ueberredungskünsten, welche angewandt worden, ihre Tochter zu verführen; vielmehr hatten die Eltern die Tochter bei einer polnischen Schneiderin zum Erlernen des Nähens untergebracht und dort wurden ihr im Geheimen die katholischen Lehren beigebracht. In Folge dieser geheimen Unterweisung verließ Rosa Gabriel am 1. März c. das Elternhaus, nachdem sie sich vorher, wie ihre Eltern angeben, mit Kleidungsstücken und Geld versehen, ohne daß eine Spur über ihren Verbleib aufgefunden werden konnte. Am Sonntag den 4. c. verbreitete sich das Gerücht wie e^n Feuerlärm durch unsere Stadt, daß die entlaufene Rosa sich in dem V2 Meile von Labischin entfernten Schlosse Lubostron bei der Gräfin v. Skorzewska aufhalte und daß sie auserkoren sei, in den Schooß der allein seligmachenden Kirche ausgenommen zu werden. Auf Schloß Lubostron, so hieß es, solle sogar die Taufe schon vorgenommen worden sein. Am Abend des 4. befand sich die betrübte Mutter vor dem Schlosse und verlangte in Begleitung anderer jüd. Frauen, die Herausgabe ihres entlaufenen Kindes. Unverrichteter Sache mußte die Mutter heimkehren, denn Rosa war angeblich bei der Gräfin v. Skorzewska „in Dienst getreten." — Es stellte sich am andern Tage heraus, daß Rosa von verschiedenen hiesigen kath Familien überredet worden sein soll, zum Katholicismus überzutreten, daß sie seit drei Wochen auch die hiesige kath. Kirche besucht ünd daß sie dann veranlaßt worden, nach Lubuftron zu kommen, woselbst die Taufe vollzogen werden sollte. Die Entlaufene hatte sich, indem sie angab im Aufträge ihres Vaters zu handeln, einen Schein ausfertigen lassen, welcher sie aus der Gewalt der Eltern freisprach und ihr gestattete, sich vermiethen zu dürfen. Von alledem hatten die Eltern keine Idee. Um nun die Tochter dem Einflüsse der „schönen" Umgebung zu entziehen, mußte der Vater den ausgeführten Diebstahl der Tochter beim Magistrate zu Protokoll erklären, um auf diese Weise deren Entfernung aus dem gräflichen Schlosse zu bewirken, also deren Festnahme zu bewerkstelligen. Durch Vermittelung unseres Bürgermeisters, des Herrn Friedrichowicz, der an der ganzen Sache den wärmsten Antheil nahm und alle möglichen Hebel in Bewegung s.'tzte, den betrübten Eltern ihr Kind guzuführen, gelang es, von dem hiesigen Districts- Commissarius den Verhaftsbefehl zu erwirken und am Abend des 5. c befand sich der Gensdarm Bunzel bereits auf Lubostron, um die schöne Rosa zu verhaften. Die Gräfin v. Skorzewska ließ erklären, daß sie das Mädchen in Dienst genommen, sie also deswegen nicht herauszugeben brauche und daß sie am andern Tage dem Herrn Districts- Commissarius durch ihren Bevollmächtigten Ruszynski diesbezügliche Auskunft ertheilen lassen würde. Die alte Comtesse ließ sich ferner tadelnd darüber aus, daß sie am 4. Abends durch aufdringliche Frauen — unter denen freilich sich auch die Mutter des Kindes befunden— in ihrer Ruhe gestört worden sei. Der über siebenzig Jahre zählenden Frau mag die Ruhe wohl schon Noth lhun; aber wenn eine arme Mutter in dem Bewußtsein der Verführung ihrer Tochter und um das zu verhüten, was ihrem verirrten Kinde bevorsteht, die Herausgabe desselben unter Thränen fordert, so sollte doch dieses Gefühl bei einer 70jährigen Gräfin eine andere Würdigung finden, als nur eine kleine Unterbrechung der gewohnten Ruhe, und die Abfertigung, daß wenn die Mutter nicht schleunigst den Hof verlasse, man die Hunde auf sie hetzen würde. — Der Gensdarm kehrte unverrichteter Sache zurück. Entrüstet über die ResultaUosigteit der Unternehmungen, wurde der Staats-Anwalt durch unfern Herrn Bürgermeister Friedrichowitz telegraphisch über den verübten Diebstahl u. s. w. in Kenntniß gesetzt, um den Verhaftsbefehl zu erwirken. Als Antwort kam jedoch zurück, daß der Vater wegen Herausgabe des Kindes klagbar werden könne und wegen des Diebstahls kein'Grund zur sofortigen Verhaftung vorliege. Am 6. c. wurde nun die Klage wegen Herausgabe des Kindes und wegen des verübten Diebstahls eingeleitet. Indessen soll die Taufe bereits durch ein solennes Mahl gefeiert worden und eine „Rose" der alleinseligmachenden Kirche gewonnen sein. Die Tochter eines Handelsjuden im Schlosse einer Gräfin! Heil Allen, die ihre Kraft dem Gelingen dieses Werkes gewidmet, Heil sogar dem kühnen Rosselenker, welcher die Equipage zum Empfange des Judenmäd^ls bereit gehalten! Ihr werdet Alle einst glänzen, wie die Sterne am Himmel. Petrus wird Euch die Pforten des Paradieses öffnen, denn Ihr habt Alles

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