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Der Israelit · 1877-04-06 · Heft 14 (6.4.1877) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 14 (6.4.1877)
Date
1877-04-06
Page
– (sequence 12)
Language
German
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328 mit einem blinden Kind, führt’s in die Kirche und tauft’s, dann ist’s abgethan." „„DaS wäre freilich das Einfachste und von Anfang an warS auch meine Absicht. Doch neben seinem Starrsinn besitzt der Knabe einen Hellen scharfen Geist und ein Wissen, es ist zum Staunen; ist es nur erst gelungen, seinen starren Unglauben zu brechen, ihn empfänglich zu machen für die Heiligkeit unserer Religion, so übernehme ich's, eine Zierde unseres Ordens aus ihm zu machen; der kann eS einst noch weit bringen. Doch solche Geister vertragen Zwang nur schlecht, und darum liegt mir daran, ihn möglichst geneigt zum liebertritt zu machen; gelingt es nicht, so ist’S noch immer Zeit, Gewalt anzuwenden; der Blinde läuft uns nicht davon."" „Aber wird der Prior eS dulden, daß ein Ungläubiger in diesen heiligen Mauern weilt? ' „Nach der Messe begebe ich mich zu ihm, die Sache ihm vorzulegen; er wird meine Gründe billigen."" Gabriel war allein geblieben in der Zelle des Pater Anselm, ohne daß er es wußte, stürzte er sich auf einen Betschemel, der vor dem Pulte sich befand. Bange, schwere Seufzer hoben seine zarte Brust. Was sollte er beginnen? — wie sich retten? — Der Priester hatte ihm wiederholt versichert, daß er als Jude das Kloster nimmer verlassen werde und daß er die blinden Augen des Juden nimmer heilen werde; nur den Glauben sollte er abschwören, dann wäre er in Kurzem geheilt und frei- Sollte er’s thun? — er verlangte so sehnsuchtsvoll nach Licht und nach Freiheit. Doch sein eigenes Sein erbebte bei dem Gedanken an die Möglichkeit des Abfalls; dl’ sein Denken, all’ sein Fühlen sträubte sich. „Nein, nein!" rief er heftig, „lieber begraben in ewiger Nacht als untreu dem Glauben der Väter!" Aber was stand ihm bevor? was sollte aus ihm werden? — er wußte es nicht. Wäre er nicht des Augenlichts beraubt, er hätte durch die Flucht sich zu retten versucht, doch in Blindheit, ohne Führer, war hieran nicht zu denken — er vermochte nichts, als fort und fort den Vorsatz erneuern, nie und nimmer zu wanken in dem, was er als Recht und Wahrheit kannte, nicht durch den glühenden Wunsch nach Heilung, nicht durch Sehnsucht nach der Mutter und nach Freiheit. Auf dem Betschemel vor dem Bilde des Gekreuzigten saß der blinde Judenknabe, hebräische Gebete und Bibelstellen flüsternd, um sich zu stärken zu dem schweren, aller Wahrscheinlichkeit nach langem Kampfe, der ihm bevorstand. Bor seinen innern Augen zogen vorüber die hehren Gestalten der Vorzeit: der Erzvater als Jüngling im glühenden Oft«, ftm Sohn, ein wMrgeS Opfer auf dem Altar .'des Herrn und der Eaköl allein in finstrer Nacht ringend mit einem göttlichen Wesen. „O Gott!' nnser Gott, Gott Abrahams, Gott Jizchak’s und Gott Jakob’s! O du großer Gott, du Allmächtiger, dm Furchtbarer, o hilf' auch mir, wie Du ihnen einst geholfen!" Und er sah das ganze Volk der Inden versunken in die Nacht der Sklaverei und de» größten Propheten als zartr« Säugling in dem Schilf des Flusses, und dann sich er die befreiten Vorfahren trockenen Fußes ziehe« durch das gespaltene Meer, und ihm s-elber unbewußt flüsterten seine Lippen den hehren Lobgefang des größten Mauues. — Und die Verzweiflung war gewichen aus seinem reinen hoffnungsreichen Herzen, furchtlos schaute er der Zukunft entgegen, ein felsenfestes Vertrauen erfüllte feine Brust. Er war so versunken, in sich selbst, daß er es nicht bemerkt, wie die- Thür sich geöffnet und Pater Anselm wieder eingetreten war; noch allein sich wähnend, murmelteer halblaut sich selber Troft zufprechend: „Gatt wird schon Alles zum Gutenlenken." „„Du hast ein wahres frommes Wort gesprochen, mein Sohn!"" firl. der Priester ein. Erschreckt fuhr Gabriel in die Höhe, doch Pater Anselm suchte mit freundlichen Worten-ihn zu beruhigen. „Fürchte nichts, mein liebes Kind. Du weißt, Dein Wohl liegt mir amHerzen, und Deine * frommen Worte haben mich vollends geruhet."" Er hielt inne, als erwarte er eine Entgegnung; doch der Knabe schwieg. „Nun mein Sohn, hast Du nackgedacht über das, was ich heute Morgen mit Dir gesprochen, hast Du Deinen Entschluß gefaßt und bist bereit, wenn man zur Vesper läutet, die heilige Taufe zu empfangen?"" Gabriel schwieg, aber er schüttelte heftig verneinend das Haupt. „,Noch immer nicht?" fuhr der Priester fort, „das schmerzt mich in der Thai. Aber rede mein Sohn, sprich zu mir, Deinem Freunde, der Dir so herzlich wohl will, sage mir, was ist’s denn eigentlich, das Dir unsere heilige Religion so verhaßt macht?"" „Sie ist mir nicht verhaßt", entgegnete schüchtern der Knabe, „kenne ich sie doch kaum; aber Gott ist es, der als Juden mich erschaffen und darum muß ich Jude bleiben, so lange die Seele in mir weilt." „„Da bist Du imJrrthum, liebes Kind, diese Pflicht hast Du mit Nichten. Wohl war das Judenthum eine Religion des höchsten Gottes, aber nur für die Tage der Vorzeit; haben doch jüdische Propheten selber ihr Ende geweissagt. So

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