Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1877)
- Date
- 1877-04-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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329 sprach der Prophet Jirmijah im Namen GotteS: „Siehe!, es werden Tage kommen, spricht der Herr, so werde ich schließen mit dem Hause Israels und dem Hause Judas einen neuen Bund —" und des Propheten Wort hat sich bewährt, der Erlöser erschien und gab das Evangelium — siehst Du nun nicht ein, daß die ganze jüdische Nation verpflichtet ist, es zu halten? " Gabriel schüttelte wiederum den Kops. „Ich bin ein unwissender blinder Knabe, nicht imstande, Eure Behauptungen zu widerlegen, aber in mir lebt die Ueberzeügung, daß Eure Worte das Wahre nicht enthalten." „„Thörichter gedankenloser Knabe! wie, Du wagst es, einen Glauben unwahr zu nennen, der seit mehr als vierzehnhundert Jahren bereits besteht. In unserm Evangelium steht geschrieben, daß der Patriarch und große jüdische Lehrer Rabbi Gamliel zu den Juden, in Bezug auf die Apostel einst gesprochen, wie folgt! Befaßt euch nicht mit diesen Leuten und lasset sie! denn ist ihre Absicht und ihr Unternehmen blos Menschenwerk. so wird eS bald von selbst zerfallen; ist es hingegen Gottes Sache, so wird sie nicht unterdrückt werden können, sondern wird bestehen. Daß ihr ja nicht als Solche erfunden werdet, die sich Gott und dessen Rathschlusse wiedersetzen! — Als Beleg führte er den Theudas und Judas den Galiläer an, die aus eigenem Antriebe, nicht durch den Willen und Befehl Gottes aufgestanden und daher auch in kurzer Zeit mit ihrem ganzen Anhänge zu Schanden geworden. — Nun aber siehst Du doch, daß unsere'heilige Religion in mehr als vierzehnhundert Jahren nicht hat vernichtet werden können; das ist doch der wahrhafteste und schlagendste Beweis, daß ihre Lehren göttlich."" „Aber dann wäre doch auch das Heidenthum göttlich, das ist doch noch viel älter", entgegnete Gabriel schüchtern. „„Nicht übel, nicht übel!"" lachte der Priester, „„aber lieber Kleiner, ein paar Jährchen wirst Du doch noch warten müssen, denn mit einem zwölfjährigen Kinde in Controverse mich einzulassen, das ginge als Priester doch wohl nicht gut an. Ja, wenn Du alter sein und etwas Tüchtiges gelernt haben wirst, dann stehe ich Dir gern zu Diensten. Und was Großes soll noch aus Dir werden, sobald Du im Stande sein wirst. Deine Augen zu gebrauchen, werde ich selbst Dich unterrichten; ich werde Dich lehren die Spraa,en und die Geschichte der Völker und Dir die Strafgerichte zeigen, die der Herr über sie hält, und Alles was die Welt erfüllt, sollst Du kennen lernen; vom Gänseblümchen an, dasauf dem Felde wuchert, bis zu der stolzen Zeder, die den Libanon schmückt, von der Mücke bis zum Stephanien, bis zu dem kunstreichen Bau des menschlichen Körpers, alles will ich Dich lehren, und den Lauf der Sterne sollst Du noch einst selbst berechnen. Da wirst Du staunen, da werden erst die Augen Dir aufgehen und in seinen Werken wirst Du Gott Vater und seinen heiligen Sohn erkennen."" Voll Interesse hatte Gabriel diesen Worten gelauscht, er war ein geistvoller wißbegieriger Knabe, und höher hob sich seine Brust, wenn er an die Möglichkeit dachte, das alles zu lernen; doch als der Priester des Stiftes seiner Religion erwähnte, da zuckte es unwillig über des Knaben Antlitz. Pater Anselm entging dies nicht. „„Du willst noch immer nicht an den Erlöser glauben; und doch zeugen die Schriften, deren Heiligkeit, deren Unfehlbarkeit Du selber anerkennst, fast auf allen Seiten auch von dem Sohn. Schade, schade, daß das Augenlicht Dir fehlt, sonst würde ich Dir aufschlagen das Buch der Bücher und mit eigenen Augen würdest Du Dich überzeugen und tagen würde es in Deines Geistes Nacht. Doch der Anfang der Genesis ist Dir ohne Zweifel gegenwärtig; Du weißt, daß es heißt: „Im Anfang erschuf Elohim den Himmel und die Erde", und wissen wirst Du auch, daß das Wort Elohim die Mehrheitsform enthält; auf wen aber könnte diese Mehrheitsform sich beziehen, wenn nicht auf die Dreieinigkeit? und im sechsundzwanzigsten Vers heißt es weiter: „Und Gott sprach: Wir wollen machen einen Menichen in unserem Ebenbild" — ist Dir nicht klar, daß dieses „wir" wiederum auf die Dreieinigkeit hindeutet?"" So sprach der Priester noch lange fort und Gabriel, der Anfangs nur mit Widerstreben auf ihn gehört, fing allmählich an, für diese Behauptungen, die ihm so neu, sich zu interessiren. Es hält ja nicht so schwer, ein dreizehnjähriges Kind, das seit so langer Zeit jedweden Unterricht entbehren mußte, selbst durch die nichtigsten, längst widerlegten Vorspiegelungen zu beirren. Trotzdem war er Mittags nicht zu bewegen, von den Speisen zu genießen, die man ihm reichte. Pater Anselm drang nicht allzusehr in ihn, er war zufrieden mit dem bereits erlangten Fortschritt und reichte ihm von dem frischen wohlschmeckenden Brode des Klosters und den saftigen Früchten des Gartens. Nach dem Essen nahm er die Unterhaltung wieder auf und wußte den phantasiereichen Knaben derart zu fesseln, daß die Besorgnisse der Mutter nur allzu gerechtfertigt erschienen. (Fortsetzung folgt.)