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Der Israelit · 1877-03-28 · Heft 13 (28.3.1877) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 13 (28.3.1877)
Date
1877-03-28
Page
– (sequence 12)
Language
German
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304 Freudig gewahrte der Arzt diese Veränderung in der Stimmung seines Patienten; „so habe ich Dich gern," lobte er, „das ist vernünftig, denn es ist natürlich. Habe ich mir doch Dein gestriges Benehmen durchaus nicht erklären können. Wie, ein gefcheidter Knabe sollte nicht auf's lebhafteste wünschen, alle fünf Sinne zu besitzen, nicht wünschen, einmal ein brauchbarer Mann zu werden? Deine Mutter ist eine brave aber schwache Frau, die Dich wohl innigst aber unvernünftig liebt; bevor sie sich entschließt, sich auf einige Wochen von Dir zu trennen, ließe sie Dich als Krüppel aufwachsen, sowohl an Körper als an Geist. Dein Vetter aber ist ein vernünftiger Mann, er will Dein Bestes und darum hat er Dich hergebracht, selbst gegen den Willen Deiner Mutter, die ihm dereinst auf den Knieen dafür danken wird." Gabriel erröthete, wußte er doch nur allzuwohl, daß dasjenige, was der Priester als Schwäche seiner Mutter betrachtete, gerade das Gegentheil davon war; doch er war zu schüchtern, um hierin zu widersprechen; aber fest gelobte er sich, die Mutter durch den Erfolg zu überzeugen, daß ihre Besorgniß, ihr Kind könne einer fremden Religion sich zuwenden, nicht gerechtfertigt war. War er doch nicht gar so jung, hatte Manches schon gelernt, er wollte sich schon schützen. Und wenn er dann das Licht seiner Augen wieder erlangt und die Mutter ihr Versprechen halten und mit ihm das Land verlassen würde. — Seine Wangen glühten, sein Busen wogte auf und nieder, seine Lippen bewegten sich als spräche er ein Geber. Lächelnd betrachtete ihn der Arzt, so wollte er ihn, in dieser erwartungsvollen Aufregung hoffte er leichteres Spiel mit ihm zu haben, und diese Aufregung Monate hinaus zu verlängern, das lag ja vollgändig in seiner Hand. Mehrere Stunden waren vergangen; freundlich unterhielt sich der Arzt mit dem blinden Knaben, ließ sich von ihm erzählen, was er bereits gelernt und staunte sowohl über das Wissen des kaum dreizehnjährigen Kindes, als über dessen klaren hellen Geist. In unsäglicher Spannung sah Gabriel dem Momente entgegen, in dem der Arzt die Heilung seiner Augen beginnen werde; doch als dieser noch immer keine Anstalt dazu zu treffen schien, siegte endlich die peinigende Ungeduld über seine natürliche Schüchternheit und 'mit bebender Stimme fragte er den Priester, wann er denn die Kur beginnen werde. „In jedem Augenblick, mein liebes Kind, bin ich dazu bereit; doch es ist ein schwieriges, hochwichtiges Werk, und zweifle ich auch keinen Augenblick an einem glücklichen Erfolg, fo kann ich dennoch nicht dazu schreiten, ohne vorher in brünstigem Gebet den himmlischen Beistand dazu zu erflehen. Komm' mein Kind, kniee nieder mit mir hier vor dem Bilde des Erlösers, der durch seinen Tod die sündige Menschheit erlöst. Er machte Blinde sehend nur durch das Auflegen seiner göttlichen Hand; er wird auch mir Gnade verleihen und meine Menschenhand leiten, damit es ihr gelinge, den Schleier zu entfernen, der Deiner Augen Sterne umhüllt." Mit diesen Worten faßte der Priester die Hand des Knaben, um ihn zu einem Betschemel zu führen. Gabriel war leichenblaß geworden, „ich kann nicht beten zu dem Bild", murmelte er, „ich bin Jude." „„Ich weiß das, Kind, doch kann ich Dich darob noch nicht verachten. Auch der Stifter unserer Kirche ward als Jude geboren und die Mehrzahl der Apostel gehörte diesem Volke an, doch sie erkannten ihn und glaubten an ihn und wurden die Heiligsten der Heiligen. Drum immerhin §euge Deine Kniee vor dem, der auch für Dich gestorben, Gnadenvoll wird er Dir Dein Flehen erhören, und noch heute werde ich Dich durch die heilige Taufe weihen und Dich aufnehmen in den Schoos der heiligen Kirche."" .Nein, nie!" schrie Gabriel und wich voll Entsetzen zurück. „„Nein?"" wiederholte der' Geistliche, den Erstaunten spielend, „„und warum denn nein, Sohn? Du bist doch ein recht unvernünftiges Kind, gestevnweigerst Du Dich, die Augen Deines Körpers heilen zu lassen, heute willst Du Deine Seele zu ewiger Blindheit verdammen. Doch wisse, nicht nur Arzt Deines Körpers will ich sein, auch Deine Seele will ich erretten aus ewiger Verdammniß, der sie sonst verfällt. Drum ehe Da nicht willig die Taufe empfängst, werde ich zur Heilung Deiner Augen nimmer schreiten."" „So schickt mich zu meiner Mnttec", flüsterte der Knabe. „„Nein Kind, darauf rechne nicht. Dieses Kloster wirst Du nicht verlassen, als bis Du genesen an Körper und an Seele. Und was würde es Dir auch nützen, schickte ich Dich heim zur Mutter. Weißt Du denn nicht, daß ein Befehl des Fürsten jeden Juden, der in seinem Lande athmet, zum Tode verdammt. Bisher war es nicht bekannt, daß Du noch ungetauft in der angeborenen Wahnreligion verharrst, doch jetzt ist dieses bereits zu den Ohren des Fürsten gedrungen; kehrst Du jetzt heim, ohne unser Glaubensgenosse zu sein, so sendet er seine Häscher und Du bist verloren.""

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