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Der Israelit · 1877-03-28 · Heft 13 (28.3.1877) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 13 (28.3.1877)
Date
1877-03-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
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303 Allmälig erwachte die Erinnerung des Knaben. „Wo bin ich?" fragte er schüchtern. „„Bei mir, beim Pater Amselm, Deinem Arzt."" „Aber ich möcht' zu meiner Mutter." „„In einigen Wochen, mein guter Junge, führe ich Dich zu Deiner lieben Mutter. Wenn die Stirn zu und die Augen offen sein werden, und Du lieb Mütterchen in's Antlitz schauen kannst, hei wird das ein Jubel sein."" Aber der Knabe schien diesem Jubel nicht entgegen gehen zu wollen; alle Schrecknisse, die seine Mutter in Betreff seiner Heilung im Kloster vorgeschwebt, traten vor seine zagende Seele. „Ich mag nicht sehen können!" rief er angsterfüllt, „ich will zur Mutter! Bitte, bitte, lieber Herr, laßt mich doch zur Mutter führen." „„Du möchtest nicht sehen können?"" rief erstaunt der Arzt. „„Möchtest Du denn nicht allein zur Mutter gehen können, anstatt Dich zu ihr führen zu lassen?"" „Ja, ja!" rief der Knabe in Thränen ausbrechend, „das möcht' ich wohl gern, aber jetzt will ich zu meiner Mutier, jetzt!" „„Das geht nicht/'" erwiederte der Arzt ernst und entschieden „und weinen darfst Du auch nicht, sonst beginnt die Wunde am Kopf wieder zu bluten, und blutet so lange nur ein Tropfen Blut in Dir ist, und dann mußt Du sterben!"" Er hielt inne, in der That drängte sich eben wieder ein Tropfen aus der Wunde und verlieh seinen Worten den nöthigen Nachdruck Der Knabe war ruhig. „Ich wußte'es ja," fuhr er freundlich fort, „daß Du mein guter vernünftiger Knabe bist und meine Anordnungen auf's genaueste befolgen wirst; dann wird auch der Lohn nicht ausbleiben. Hast Du Hunger?" Gabriel verneinte. „Nun so versuche zu schlafen; für diese Nacht bist Du mein Gast, morgen wollen wir schon .'ine bessere Einrichtung treffen. Empfehle Deine Seele dem Herrn uud ruhe sanft" Gern hätte der Priester das Kind vorher beten lassen, doch er wußte, daß dabei ein Eon« flict nicht zu vermeiden, und als Arzt durfte er am heutigen Abend keinerlei Erregung herbeiführen. Erschöpft, sowohl durch die heftige Gemüthsbewegung als auch durch den Blutverlust, sank der Knabe bald in einen ruhigen Schlummer. Als er am folgenden Morgen erwachte, fühlte er seine Hand von einer andern leicht umschlossen, hastig griff er nach dieser, um zu erfahren, wem sie gehöre, denn obgleich noch halb im Schlaf, er sich noch nicht klar war, wo er sich befand, so wußte er doch so viel, daß es nicht die Mutter war, die sonst an jedem Morgen vor sein Bette kam, um dem Blinden beim Ankleiden behilflich zu sein. Pater Anselm lachte herzlich über die lebhaft scheue Art seines Patienten, dessen Puls er soeben untersucht. „Guten Morgen liebes Kind! nun wie geht's denn heute? Das Bett ist wohl nlcht so' weich wie daheim beim lieben Mütterlein, aber schlafen läßt sich doch darin, he?" „„Ach, meine Mutter wird um mich in Angst sein, lieber Herr, laßt mich doch zu ihr!"" „Junge. Junge, wer wird so'n Muttersöhnchen sein Es ist wohl ganz schön, wenn man das t Mütterchen lieb hat, aber wer ein Mann werden will, kann sich doch nicht immer hinter die Schürze seiner Mutter stecken. Freilich, wenn ich nicht Dein Bestes im Auge hätte und jetzt nachgeben würde, Dich zur Mutter ließe, wo Dein Auge nimmer genesen würde, dann müßtest Du Dich allerdings zeitlebens an Mütterchens Schürze hängen.' Aber ist denn das ein Leben, wenn ewige Nacht uns umdunkelt? reizt es Dich nicht, das Gotteslicht wieder zu schauen und die ganze schöne, schöne Welt? ' ,,„O ja. ja," rief der Knabe erregt sich im Bette aufrichtend, „aber wollt Ihr mich denn im Ernst wieder sehend machen? könnt Jhr's denn?"" „Ich kann es und wenn Du gehorsam mir folgst, so will ich es auch." ,. „O thut es, thut es! ich werde Euch ewig danken. Acb, Ihr wißt es nicht, was es heißt, beständig im Finstern zu tappen, den Raum nicht zu kennen, der uns umschließt, nicht zu wissen, ob es Tag oder Nacht." „ '„Ich kann es mir denken, armes Kind, und darum habe ich mich gern entschlossen, Dir zu helfen, trotz des Widerstrebens Deiner Mutter gegen die Umstände, die bei Deiner Heilung unerläßlich sind. Aber habe nur erst Deine Augen wieder, dann wird das Mütterchen ihren Unmuth wohl bald vergessen haben." Es war dem Knaben unangenehm, an die Abneigung seiner Mutter, ihn im Kloster heilen zu lassen, erinnert zu werden. Wohl hatte er ihre Ansicht getheilt, als sie ihre Gründe angegeben, und hatte ihr aufrichtig dafür gedankt, doch da er sich nun einmal im Kloster befand und tratz des Widerspruchs seiner Mutter geheilt werden sollte, so erfüllte diese Hoffnung ihn mit unsäglicher Freude. „Sehen, ich werde Wiedersehen"' rief er, und breitete unwillkürlich die Arme aus, als wolle er die Welt, die er wieder sehen solle, an sein klopfendes Herz drücken.

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