Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1877)
- Date
- 1877-03-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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300 Vitzthum vorgelegte Actenstück zu unterzeichnen, daß der Pabst dem Wunsche des Königs, des Cardinal- Primas und der beiden Ehegatten entsprechend, die Ehe für nichtig erklärte, woraufhin der König die ehemalige Fürstin Lubomirski zur Reichsfürstin von Teschen erhob und sie mit sich nach Sachsen nahm. Unterdeß hatten der Rabbiner und seine Frau sich eifrigst nach dem Verbleib ihrer Tochter und ihres Schwiegersohnes erkundigt. Niemand wußte etwas darüber zu sagen. Man hatte es absichtlich vermieden, sich danach zu erkundigen, von dem richtigen Grundsätze ausgehend, daß man das, was man selber nicht weiß, auch nicht verrathen könne. Man fürchtete nämlich, daß der Fürst den Einen oder den Andern auf die Folter hätte spannen lassen, um den Aufenthalt der Flüchtigen zu erfahren. Auch der Rosselenker, welcher so bereitwillig das Brautpaar in der Equipage des Fürsten davongefahren hatte, war nicht zurückgekehrt. Wo sollte man nun die Entflohenen suchen? „Ich denke," sagte der erste Vorsteher. „Rabbi Moscyeh ist nach Brisk gefahren zu seiner Mutter; erstlich deßhalb, weil er seine Braut am besten dort unterbringen konnte, und zweitens, weil der Oberherr von Brisk, der Starost von Woidinski, ein Feind unseres Fürsten ist und deßhalb eine Auslieferung an denselben nicht zu befürchten gewesen wäre." Man konnte nicht umhin, die Vermuthung des Vorstehers als richtig anzuerkennen. Rabbi Bärman schug vor, sofort einen Boten nach Brisk zu senden. Rabbi Hirsch und seine Gattin aber waren so voll Ungeduld, ihre Tochter wieder zu sehen, daß Rabbi Bärmann sich entschloß, sie in seinem Wagen dorthin zu führen. Nach wenigen Tagen hielt der Reisewagen Rabbi Bärmann's vor dem Häuschen in Brisk, das die Mutter Rabbi Moscheh's bewohnte. Kaum waren die Reisenden ausgestiegen, als Rabbi Moscheh vor die Thüre des Häuschens trat. Mit lautem Aufschrei eilte der Rabbiner auf ihn zu, um ihn zu umarmen. Rabbi Moscheh aber brach in lautes Weinen aus. „Wo ist mein Kind?" fragte die Rabbinerin. „„Bella ist im Hause meiner Mutter,"" sprach Rabbi Moscheh mit tiefbetrübtem Tone. „„Das arme Kind ist krank, sehr krank. Der furchtbare Schrecken, die Strapatzen der Reise, die wir nicht zu unterbrechen wagten, haben sie auf's Krankenlager geworfen."" Rabbi Bärmann ließ sich von seinem Kutscher in einen Gasthof fahren. Der Rabbiner und seine Frau gingen in das Haus zu ihrem kranken Kinde. Da lag das arme Mädchen auf dem einzigen Lager der armen Wittwe, der Mutter Rabbi Moscheh's , welche die verehrten Gäste mit Thränen in den Augen empfing. Das Mädchen glich einer Rose, welche der Sturm vorzeitig geknickt hatte; kaum entfaltet, welken die Blätter. Die Mutter ergriff die abgezehrte Hand der Tochter und bedeckte sie mit ihren heißen Zähren. Bella lag in Fieberphantasien. „Mutter," sprach sie. „schmücke mich. Heute ist mein Hochzeitstag. Vater, schütze mich; der Fürst kömmt, der böse, wilde. Tödte ihn, Rabbi Moscheh, so recht, schlag'tüchtig zu; besser sterben, als in die Hand der Bösewichter fallen!" „„Mein Kind, mein armes Kind!"" flüsterte Rabbi Hirsch. Bella schlug die Augen auf, die bis dahin geschlossen waren; die Fibergluth wich von ihren Wangen; sie erkannte die vor ihrem Bette stehenden Eltern. „Mein Vater, meine Mutter." sprach sie, „wie danke icy Gott, daß es mir vergönnt ist, Euch noch einmal zu sehen, bevor ick sterbe!" „„Du wirst leben, mein Goldkind, mein Herzblatt,"" sagte die Mutter, „„Du wirst wieder gesund werden und leben."" „O, ich wünsche es," entgegnete Bella, „um Euretwillen und um Aller derer willen, die mich lieben. Allein, ich fühle es, Gott hat es anders beschlossen. Lebt wohl, meine geliebten Eltern, grüßt mir die Brüder daheim, und Du, mein theurer Vater, vergiß meinem Bräutigam nicht all' die Liebe, die er mir erwiesen, wie er sein Leben wagte um meinetwillen. Gern würde ich ihm durch treue Liebe, Sorge und Hingebung vergolten haben; doch Gott verstattet es mir nicht. Ruft ihn nicht herein, der Abschied würde mir zu schwer werden. Grüßt ihn viel tausendmal." Sie schloß die Augen. Auf's Neue begannen die Fieberphantasien; das Bewußtsein kehrte nicht wieder. Nach drei Tagen bettete man ihre Leiche auf dem jüdischen Friedhofe zu Brisk. Rabbi Hirsch und seine Frau verblieben bis nach der Trauerwvche in Brisk. Rabbi Bärmann kehrte nach Warschau zurück. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Rcdaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).