Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1877)
- Date
- 1877-03-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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295 ein Gottesvolk zu sein, ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk. Und so wurden die bitteren Leiben, die Gott unfern Voreltern sandte, zur größten Wohlthat. Was wäre aus Israel geworden, wenn es so fortgefahren hätte, Theater und Circus, Concerte und Bälle zu besuchen, überall „vornan" zu sein und ein Leben voll Tand und Eitelkeit zu führen? Es hätte sich am Ende mit den Egyptern vermischt, sich unter ihnen verloren und wäre mit ihnen untergegangen. Da kam der Druck von außen. Die Fürsorge Gottes be^it.te sie durch bittere Leiden für die Erlösung vor. Mit einem Schlag-e ward die Sachlage eine andere. Die fleißigen Theater- und Circus - Besucher mußten Ziegelsteine backen und brennen in harter, schwerer Arbeit; sie mußten aufseufzen von dem Drucke und die Erlösung als eine göttliche Gnade erhoffen. Und wir, indem wir -ins , das Bittelkraut nicht nur genießen, sondern auch das Wort aussprechen, sollen die symbolische Bedeutung desselben erfassen, damit es der wirklichen Leiden nicht erst bedarf, um uns die hohe Bestimmung Israels in unserm Bewußtsein lebendig zu erhalten. Wir sollen die Gnade Gottes ersehnen und vertrauensvoll der Erlösung gewärtig sein. Tie Ueberzeugung, daß wir allüberall uns unter dem Schutze des Allgegenwärtigen befinden, daß des Allmächtigen Hilfe uns nimmermehr verläßt und daß des Allgütigen Gnade uns von allen Leiden und Bitterkeiten befreit — diese beglückende Ueberzeugung soll von Jahr zu Jahr durch das Peßachfest und seine Mizwoth in uns erneuert und gekräftigt werden, auf daß wir uns nicht verlieren auf unserm weiten Wege durch die Jahrtausende, sondern unbeirrt fortschreiten bis zu dem Ziele, das Gott selbst uns gesteckt hat, „bis voll sein wird die Erde von Gotteserkenntniß wie da die Wasser das Meer bedecken". Zeittrngsntrrhricktten und Correfpondcnzen. Deutschland. Wüvzbttrg. Bekanntlich besteht eine allerh. Kriegsministerial-Entschließung in Bayern, inhaltlich welcher die israel. Soldaten an den Sabbat- und Festtagen von den gewöhnlichen Waffenübungen , sowie von den Fatique - Touren, jedoch mit Nachverrichtung dieser letzteren, zu befreien seien, gegen deren Ausführung bisher keine Erinnerung erfolgte. In neuerer Zeit wurde in Erfahrung gebracht, als fände diese Begünstigung bei der hiesigen Garnison nicht statt, allein zu unserer Freude können wir berichten, daß dem nicht also ist, und zwar hat sich unser hochwürdiger Herr Districtsrabbiner S. B. Bamberg er dahier*- in diesem Betreffe an die h. Kgl. Cowmandantur mit einer dcßfallsigen Eingabe gewendet, von welcher h. Stelle demselben das Resultat der deßfalls gepflogenen Erhebungen mitgetheilt wurde, wonach diese Erfahrung sich als nicht begründet herausstellte. Demgemäß müßte ein etwaiger entgegengesetzter Fall seinen Grund darin haben, daß der betreffende Soldat von dieser Begünstüiuna keinen Gebrauch hätte machen wollen. Diese Mittheilung wud sicherlich bei allen gläubigen Israeliten auf's Freudigste begrüßt werden. Aus Württemberg. Schon oft hörte ich über den Mangel an-jüdischen Lehrern klagen und diesen Mangel verschiedenen Ursachen zuschreiben. Indem ich mit diesen Zeilen versuche, den Grund in einem Umstand, nämlich in der Art und Weise, wie so manche Gemeinde bei Besetzung «stner Lehrstelle zu Werke geht, zu suchen, hoffe ich, daß nicht allein ein großer Ther! der Lehrerwelt mir die Zustimmung nicht versagt, sondern auch manche Gemeinde eines Besseren belehrt wird. Betrachtet man die Vakanzanzeigen, so muß man sich unwillkürlich wundern, daß so viele Gemeinden von dem Bewerber eine einzige Eigenschaft verlangen und zwar — das Ledigsein. Wird denn von einer Behörde bei Besetzung einer Stelle gefragt, ob der Bewerber ledig oder verheiratbet ist? Wird denn nicht bei gleicher Befähigung der Bewerber der meisten Diensijahre der Vorzug gegeben? Warum wollen so viele Gemeinden Recht und Billigkeit außer Augen lassen? Ja es ist schon vorgekommen, daß bei ungleicher Befähigung der ledige Bewerber vorgezogen wurde! In manchen Gemeinden besteht sogar die hübsche Sine, daß man den Lehrer wie eine Magd, vertragsmäßig auf 2 oder 3 Jahre miethet. Tritt derselbe während dieser Zeit in den Ehestand, so schwebt das Damoklesschwert schon über seinem Hauvte; bekommt er aber gar Familie; so ist seine Entlassung nach der bedungenen Frist sicher und ein Lediger kommt an seine Stelle. Kann man sich unter solchen Umständen noch wundern, daß der Lehrer, welcher Familienvater ist, einen Stand, der wahrlich seitens der Gemeinde eine würdigere Behandlung verdient, verläßt und sich einem anderen Fache zuwendet. Manche Gemeinde wird *) Turch dessen Veranlassung auch die Eingangs erwähnte h. Entschließung s. Z. erfolgte.