Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1877)
- Date
- 1877-03-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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278 Feuilleton. Aus -cm Mittclaltcr. Von Friedrich Rott. Vl. Das war ein fürchterlicher Schlag für den armen blinden Knaben — jetzt erst verstand er die bittern vorwurfsvollen Worte seiner Mutter; zentnerschwer lasteten sie auf seinem Herzen und drohten es zu erdrücken. — Also er war in Wirklichkeit Schuld an dem Tode seines Vaters und seiner Schwester, er war Schuld, daß seine Mutter Gott verlassen. — Und doch war er so unschuldig, so rein, wünschte so ähnlichst, man hätte ihn damals nicht beachtet — Aber er fühlte, daß er in diesem Sinne sich gegenüber der Mutter nimmer äußern dürfe. Doch Mutterliebe ahnt gar bald, wenn eines Kindes Herz nicht ganz offen vor ihr liegt, und ihrerseits drängte nun Dina, Gabriel möge ihr rückhaltlos eröffnen, was ihn so darniederdrücke. Da warf der Knabe sich an der Mutter- Herz und beschwor sie unter heißen Thränen, mit ihm ein Land zu verlassen, in dem sie ihre Religion, ihren Glauben verleugnen mußten. Dina war erschüttert, der Wunsch des wackern Knaben war ja auch ihr sehnlichster, wie gern hätte sie ihn gewährt. Aber ihre Energie, wenn sie. deren je besessen, war längst gebrochen — und wohin sollte sie sich wenden, die schwache Frau mit dem blinden Knaben? Alexander, er war ihr einziger Verwandter, und wo ihre Freunde weilten, das war ihr unbekannt. „Gott wird uns geleiten', tröstete Gabriel. „Er wird uns schon irgendwo hinführen, wo wir ihm dienen können. Komm, Mutter, komme, laß' uns fort von hier, laß' uns hungern, laß' uns betteln, alles besser als hier —" er hielt inne, er fürchtete die Mutter zu kränken durch das Wort, das auszusprechen er im Begriffe war. Dina zog ihn an ihre Brust und weinte laut, doch seinem hochherzigen Begehren zu entsprechen, das vermochte ihre Schwäche nicht. Alles, was er erlangte, war das Versprechen, daß sie seinen Wunsch erfüllen werde, sobald seine Augen genesen; bis dahin hielt sie es für ihre erste Pflicht, ihn vor jeder Beschwerde zu schützen. Verletzt bis im Innersten seines Herzens, zog sich der Knabe in dumpfer, trostloser Resignation ganz in sich selbst zurück; vergebens bot die Mutter alles auf. ihn zu erheitern, zu zerstreuen; ein mattes trübes Lächeln nur lohnte ihre Versuche. Tief empfand er ihre Liebe wohl, für die sie das Glück ihres Lebens, den Frieden ihrer Seele geopfert, aber danken konnte er's ihr nimmer; das Vertrauen zu ihr schwand in seinem Herzen, als sie verweigert, was er als unabweisbare Pflicht erkannte; und wem sollte er vertrauen, wenn der Mutter nicht? Auch Alexander sah sich in seinen Erwartungen getäuscht; zwar empfand er es noch immer als unsägliches Glück, mit Dina unter einem Dache zu athmen aber vergebens hatte er gehofft, durch stetes Beisammensein ihr mehr zu werden als ein geliebter Bruder. Monate waren verstrichen, seit sie in sein Haus gezogen; in ruhiger Ergebung ertrug sie ihr trübes Loos, jede Gelegenheit benützend. ihm ihre Dankbarkeit zu beweisen; aber alle wärmern Gefühle ihres Herzens hatten sich auf ihr Kind concen rirt, und dies betrachtete Alexander daher als das Haupthinderniß, das seiner von Tag zu Tag wachsenden Leidenschaft im Wege stand. Das Interesse, das er theils um der Mutter willen, theils um des schönen sanften Knaben selber willen für ihn gehegt, wich einer tiefen Abneigung, die gar bald in glühenden Haß ausartete. Sein sehnlichster Wunsch war, sich des Knaben zu entledigen, nur mußte das schlau und mit größter Vorsicht geschehen; war das Kind entfernt, dann war ja Dina nur auf ihn angewiesen, dann sah er sich bald am Ziele. Doch die Gefühle der Mutter wollte er schonen, nicht gewaltsam sie von ihrem Kinde trennen; der Anblick ihres Kummers machte ihn nicht froh. Besorgter als je zeigte er sich für Gabriel's Wohl, beklagte häufig fein trauriges Loos und kam eines Tages froh erregt zur Mutter und theilte ihr mit, er hege die feste Zuversicht, Gabriel werde nun bald genesen. Gegen einen der Klosterbrüder habe er über das Leiden des theuren Kindes geklagt, und dieser habe ihn an einen der Paters gewiesen, der in der Heilkunde sehr erfahren, schon manchem Blinden das Augenlicht wieder verschafft. Er habe auch bereits mit diesem gelehrten Herrn gesprochen, habe ihm die Entstehung des Leidens auf's Genaueste mitgetheilt, und der Pater habe ihm versichert, er habe die gegründeste Hoffnung in wenigen Wochen den Blinden sehend zu machen; schon am folgenden Tage wolle er kommen, die sanken Augen zu untersuchen. Dina dankte dem tteuen Freunde mit Thränen und Gabriel gerieth fast außer sich vor Freude bei der bloßen Vorstellung, er werde das theuere Antlitz der Mutter, das. Sonnenlicht und die ganze herrliche Gotteswelt wieder schauen und die Mutter werde dann auch ihr Versprechen halten und mit ihm das verhaßte Land verlassen