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Der Israelit · 1877-03-21 · Heft 12 (21.3.1877) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 12 (21.3.1877)
Date
1877-03-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
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-279 In höchster Spannung sah er dem Besuche des Arztes entgegen; in dieser Nacht kam kein Schlaf in seine Augen, unruhig wälzte er sich auf seinem Lager, und die Mutter, von gleicher Erregung wachgehalten, trachtete vergebens, ihn zur Ruhe zu bewegen. Endlich nahte die heißersehnte Stunde, Alexander selbst führte den Heileskundigen zu seinen Verwandten. Dunkle fieberhafte Rothe bedeckte die sonst so bleichen Wangen des Blinden; wild klopften seine Pulse; er war kaum im Stande, die Fragen zu beantworten, die der freundliche Mann an ihn richtete. Mit Kennerblick untersuchte nun der Arzt die lichtlosen Augen und erklärte dann mit Bestimmtheit, sie zu heilen. Ein Strom von Thronen machte Gabrielas vollem Herzen Luft; er preßte die Hand des Mannes, der ihm neues Leben versprach, an die Lippen. Gerührt streichelte der Pater die Wangen des erregten Knaben und wiederholte nochmals feine Versicherung; dann wandte er sich an die Mutter mit der Frage, wann sie das Kind seiner Behandlung übergeben wolle, einige Wochen müsse er ihn in seiner unmittelbaren Nähe, also im Kloster bei sich haben. Dina fuhr zusammen, von ihrem Kinde sollte sie sich trennen; es dem Kloster anvertrauen. —Doch vergebens beschwor sie den Arzt, die Heilung in ihrer Wohnung vorzunehmen; der Mann des Wissens zuckte die Achseln; das sei unmöglich, wenn das Heilverfahren gelingen solle, müsse er den Patienten beständig beobachten, und das sei nur in seiner Zelle möglich; sic möge ihn zu ihm schicken, sobald es ihr beliebe; er sei jederzeit bereit, den schönen Knaben zur Heilung bei sich aufzunehmen. Somit klopfte er Gabriel freundlich auf die Schulter und entfernte sich. Alexander begleitete ihn, kehrte jedoch nach wenigen Minuten zurück, heiter wandte er sich an Gabriel: „Das ist ein gar geschickter Mann, der sicher sein Versprechen halten wird, wann soll ich Dich denn zu ihm führen?" „„Nie, nie!"" rief Dina heftig. „Wie?" wiederholte Alexander verwundert, „aber Du hörst doch, daß er ihn hier nicht heilen kann?" „„So muß er blind bleiben,"" erwiederte sie in höchster Erregung; „„nie, nie werde ich zugeben, daß er das Kloster betritt."" „Wie, aus Liebe zu Deinem Kinde, um Dich nicht ein paar Wochen von ihm zu trennen, willst Du ihn blind lassen? Das kann nicht Dein Ernst sein, das wäre ja schrecklich, solche Liebe!" „„Du verstehst mich nicht, Alexander. Freilich wär's schrecklich, wenn ich nur, weil ich nicht ohne ihn leben kann, ihn blind lassen wollt'; das wär' nicht Liebe, das wäre Frevel. Aber der Frevel war' noch größer, o, ungleich größer wenn ich, um das Licht seiner Augen ihm wieder zu geben, das Licht seiner Seele ihm rauben wollt'."" „Jetzt versteh' ich Dich erst recht nicht, Dina." Sie schüttelte den Kopf. „„Ich möcht' fast glauben, Du willst mich nicht verstehn. Wohl habe ich gefehlt, schwer gefehlt und ich sündige immer noch. — Aber mein Kind ist unschuldig, seine Seele ist rein wie an dem Tage, da Gott sie ihm eingehaucht. Und was an mir liegt, will ich thun, um' sie ihm zu bewahren, diese Reinheit. Wenn ich aber zugebe, daß er in's Kloster kommt, daß der Priester ihn unterrichtet in seiner Religion, wie leicht könnt' es ihnen gelingen; sie könnten ihn bereden — könnten ihn taufen, könnten ihn nimmer aus dem Kloster lassen, könnten einen Priester aus ihm machen und —"" „Aber ist er denn nicht getauft?" fragte Alexander. „„Getobt sei Gott! nein. Und wenn auch seine Augen nimmer das Gotteslicht schauen, wenn er's nur in seinem Herzen trägt. Gabriel, mein Kind, verzeih' mir. aber ich darf's nicht zugeben."" Gabriel lehnte das Haupt an der Mutter Brust mit dem hingebenden Vertrauen, dessen Mangel beide in jüngster Zeit so schmerzlich empfunden. „Dank Mutter, Dank," flüsterte er. „nie werd' ich wieder klagen über mein Unglück." Vergebens bemühte sich Alexander, sie für seinen Plan zu gewinnen; sie blieb fest. Das Seelenheil ihres Kindes galt ihr höher als ihr eigenes. Doch je entschiedener sie sich weigerte, den Knaben sortzulassen, desto glühender ward ihres Vetters Verlangen, ihn zu entfernen; es war fast zur fixen Idee bei ihm geworden, daß nur die Gegenwart des Knaben ihn von der Realisirung seiner glühenden unlauteren Wünsche trenne. Es war gegen Ende September, doch die Luft noch warm und milde, als hätte der Sommer erst begonnen. Im Garten standen die prachtvollen Herbstblumen noch in voller Blüthe, doch ohne den süßen Duft, der der Sommerflora eigen; die Tannen im nahen Wäldchen jedoch verbreiteten ihren würzigen Hauch weit über die Felder. Es war gegen Abend, ein kühlendes Lüftchen hatte sich erhoben, Gabriel stand am offenen Fenster und athmete in vollen Zügen die frische reine Luft. Die Mutter, etwas erschöpft, lag auf dem Ruhebette, und er unterdrückte daher seinen Wunsch, den köstlichen Abend im Freien zu verbringen. Als aber Alexander bald darauf ihn

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