Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1877)
- Date
- 1877-03-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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274 erste Capacität im Bankfache. Niederhofheim, geboren am 15. Januar 1819 zu Frankfurt a. M, begann dort seine Carriöre im Hause B. H. Goldschmidt; von seiner Vaterstadt kam er nach Paris in das Haus Bischofsheim und Goldschmidt, von wo er an die Creditanstalt berufen ward. Trotzdem Niederhofheim durch einige Jahre lungenleidend war, erschien er doch noch solange in seinem Bureau, bis in den jüngsten Wochen das Leiden acut auftrat und ihn auf's Krankenlager warf, das er leider nicht mehr verlassen sollte. Palästina. Aus Jerusalem wird der „Jewish Intelligence" (einem protestantischen Missionsblatte) geschrieben: „Jerusalem, obgleich noch wüste und mit Ar» muth geschlagen, ist glücklicherweise nicht länger „die Stadt, da Niemand nach sucht." Die Augen der Welt sind gen Zion gewendet, der Jude und der Christ; der dre Propheten Studirende und der Politiker sind darin einig, daß der Todeskampf des Ottomanen die politische und nationale Existenz Palästinas zum Leben erweckt. Vor zwanzig Jahren bestand die europäische Bevölkerung Palästinas aus noch nicht 100 Personen, nun zähle die deutsche protestantische Colonie allein schon ungefähr 1000, von denen 500 sich in Jerusalem angesiedelt haben. Sie haben hübsche bequeme Häuser außerhalb der Stadt gebaut. Kath. Kirchen, Klöster und Schulen entstehen in jeder Richtung. Aber die bemerkenswertheste Thatsache von allen ist das schnelle Wachsthum des jüdischen Volkes im Lande seiner Väter. Der Jude wird in die heilige Stadt durch die großen prophetischen Weissagungen von der Wiederherstellung Israels, in Verbindung mit dem Land der Verheißung gezogen. Der Jude sieht Jerusalem als das Ziel seiner Hoffnungen an. Kein Wunder daher, daß mancher Jude bereit ist, Heimath und Verwandte aufzugeben, um auf heiligem Boden zu leben und zu sterben. Aber was auch die geheime, bewegende Macht sein mag, welche die Juden in die heilige Stadt zieht, wir können nicht anders, als erstaunt durch die Thatsache sein, daß die jüdische Gemeinde sowohl an Zahl wie an Einfluß schnell zunimmt. Die folgenden Ziffern habe ich aus sicheren Quellen, besonders auch von ehrenwerthen Rabbinen erhalten. Vor fünfzig Jahren bestand die jüdische Gemeinde in Jerusalem aus ungefähr hundert Familien. Die Aschkenasim hatten keine Synagogen, sondern mußten sich ein Zimmer miethen, um dort während der Festzeiten ihre Gottesdienste zu halten. Die Sephardim hatten zwei oder drei armselige Synagogen. Nun zählen die Juden ungefähr 15,000 Seelen. Die Sephardim haben vier große Synagogen, die Chastdim zwei, die Moghrabim fünf, die Juden aus Salonichi eine, die Juden von Aleppo eine. Die Aschkenasim haben zwei sehr große Synagogen, außerdem noch viele kleine private in- und außerhalb der Stadt, dann noch acht große Midraschim, die als Synagogen und Schulen für die Talmud-Studircnden dienen. Also achtzehn Jeschivoth, wo Rabbinen Tag und Nacht sitzen, um den Talmud und den Sohar zu lesen. Wohlthätigkeitsanstalten: Zwei Hospitäler. Dreimal in jeder Woche macht der Arzt Verordnungen für äußerlich Kranke. Krankenanstalten: Von diesen sorgen zwei für körperliche Bedürfnisse, Nachtwachen ü. s. w. Eine Chebra, worin sich je zehn Personen versammeln, um im Haute des Kranken Gebete, den Talmud u. s. w. zu lesen. Suppenküchen: 1. Jeder arme Jude, der ohne Geld ankommt, erhält einen Monat lang freie Verpflegung. 2. Arme Waisen werden frei gespeist. Den Alten und Schwachen werden die Speisen unentgeltlich in ihre Häuser gesandt. 3. Arme Handwerker, die nicht genug erwerben, um sich selb : zu erhalten, zahlen 50 Rpf. (3 pias) die Woche für eine tägliche Mahlzeit. 4. An den Sabbaten hat jeder arme Mann drei freie Mahlzeiten. Armenhäuser: In der Stadt sind vierzig Häuser von Rothschild und zwei Andern erbaut: 15 Häuser wechseln ihre Bewohner alle drei Jahre, 15 Häuser alle sechs Jahre und 10 Häuser alle neun Jahre. Zwanzig Häuser sind von Moses Molcha für Wittwen und Waisen gebaut; 110 Häuser sind von den Sephardim für 3 ' Wittwen errichtet: für drei Wittwen ein Haus. nßerhalb der Stadt sind 38 Häuser von Sir Mo,c 'onteflore und Juda Turoff gebaut. Baugesellschaften: Die Pharisäer haben vier Gesellschaften, die Chastdim deren drei. Die Ackerbaugesellschaft zählt 100 Mitglieder, sie haben schon Land in Abu Ghoosch, am Wege nach Jaffa, gekauft und stehen in Unterhandlung, die Ebene von Jericho an sich zu bringen. Die Juden sind bereit, 3000 Pfd. Sterl. dafür zu zahlen. Alle diese Thatsachcn sind Kennzeichen eines schnellen Sammelns derJuden in der lang verlassenen Stadt und daß die Zeit, „Zion wohlzuthun", gekommen ist.