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Der Israelit · 1877-03-14 · Heft 11 (14.3.1877) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 11 (14.3.1877)
Date
1877-03-14
Page
– (sequence 10)
Language
German
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250 Senfzern der unglücklichen Wittwe. Endlich brach Alexander das unheimlich werdende Schweigen; er hatte von einem Schäfer gehört, der für alle Krankheiten und auch für die der Augen heilende Kräuter kenne, am ersten schönen Tage wolle er seine Base und ihr theures Kind zu ihm geleiten. „Du thust so viel für mich, so unendlich viel." „„Red' nicht davon, Dina, Du weißt doch, wie gern ich's thu. Und alles was ich thunkann, ist ja wie Nichts gegen das, was Dein Vater an mir gethan hat. Hast Du vergessen, daß er mich als arme Waise in sein Haus genommen hat? was ich bin und was ich habe, dank' ich ihm, und darum möcht' ich für seinen Enkel thun, was nur immer möglich." Dina blickte trübe sinnend zu ihm auf. „Deine Worte nehmen eine schwere Sorge von meinem Herzen. Ich bin so unglücklich, so schrecklich unglücklich, daß ich nicht glaube, daß ich's lang werd' ertragen. Aber wenn ich bedenk', daß mein armes schwaches Kind dann ganz allein zurückbleibt, da mein' ich, ich komm' von Sinnen. Aber jetzt, da ich weiß, wie Du denkst, bin ich ruhig, Du wirst meinen Gabriel nicht verlassen." „„Nimmer,"" betheuerte er, „„mein ganzes Streben wird sein, den Vater ihm zu ersetzen."" Ein Strom von Thränen stürzten aus ihren Augen; es waren die ersten, die sie seit jener Schreckensnachricht weinte. Alexander ehrte ihren Schmerz und suchte nicht einmal ihr Trost zuzusprechen; erst spät am Abend verließ er sie, ohne auch nur den Versuch gemacht zu haben, ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen; er wollte sie gewähren lassen, wollte vor Allem vermeiden, ihr in irgend welcher Beziehung lästig zu werden. Tag für Tag kam er, sorgte im ausgedehntesten Sinne für alle ihre Bedürfnisse und' in der zartesten rücksichtsvollsten Weise. Dennoch empfand sie es drückend, und schon nach einigen Wochen sprach sie sich gegen ihn darüber aus, ind m sie ihn ersuchte, ihr behilflich zu sein, sich durch ihrer Hände Arbeit eine selbstständige Existenz zu gründen. Alexander gerieth außer sich über dieses Ansinnen. „Bin ich Dir denn gar so verhaßt, daß Du mir die kleinste Freude mißgönnst, was Hab' ich gethan, um das zu verdienen?" rief er bitter. „„Wie kannst Du so reden, Alexander, Du bist doch mein einziger Freund, und ich Hab' Dir so viel zu danken."" „Aber das, was Du mir zu danken hast, wie Du meinst, das drückt Dich, Du möchtest's abschütteln, der langweilige Vetter wird Dir lästig." „„Nein, wenn Du so red'st, dann kann ich gar nichts sagen. — Könntest Du nur in mein Herz schauen — ich möcht' ja gern' alles von Dir nehmen, wenn ich Dir nur was dafür thun könnt'."'/ „Das möcht'st Du?" rief er lebhaft. „„Du glaubst mir's nicht?"" „Na, dann kann uns Beiden geholfen werden." Mit hastigen Schritten durchmaß er ein paar Mal das Gemach; dann vor ihr stehen bleibend, ergriff er ihre Hand. „Dina," begann er mit vor Erregung bebender Stimme, „ich bin ein alter Junggesell, mein Haus ist groß und schön, aber es ist freudlos, denn es ist öde. Wenn Du nun wirklich was thun willst für mich, so thu', was ich Dir jetzt sagen werd': zieh' mit Deinem lieben Jungen zu mir in mein Haus und ich werd' meinen, ich war' im Gan Eden." „„Zu viel/'" flüsterte Dina, „„s'ist zuviel. Was hättest Du für'n Leben, wenn wir zu Dir kämen! — eine unglückliche Frau mit gebrochenem Herzen und ein schwacher blinder Knabe." „Grade für Gabriel wär's am besten; mein Haus liegt, wie Du weißt, ganz am Ende von der Stadt, die Tannen in dem nahen Wald machen die Lust so stärkend, daß Du wirklich für ihn nichts besseres thun könntest. Und wenn er dann größer und stärker wird, werd' ich ihn in mein GeschSf^nehmen, und das geht auch vielbesser, wenn er bei mir wohnt. Nicht wahr, Du thust mir das zu Lieb?" fügte er dringend hinzu und preßte die Hand auf sein hörbar klopfendes Herz. Doch für Dina war es kein leichter Entschluß, den er von ihr verlangte. Sie sollte das Haus verlassen, in dem sie geboren und erzogen, in dem sie dreizehn Jahre a;i der Seite des heißgeliebten Gatten des höchsten Glückes sicherfreut; in diesem Haufe wurzelte all' ihr Denken, all' ihr Fühlen, sie hatte noch nie unter einem anderen Dache geruht. — Aber Derjenige, dem sie ihre Existenz verdankte, der für sie und ihr Kind sorgte, wie der treueste liebevollste Bruder, der bat sie, zu ihm zu ziehen und seinen Haushalt zu leiten — konnte sie'S ihm weigern? Vielleicht wenn sie seiner ferner« Fürsorge sich entziehen, wenn sie ihren Wunsch, durch ihrer Hände Arbeit ihr Leben zu fristen, realisiren könnte. Doch konnte sie, die zarte schwächliche Frau, gewöhnt an alle Bequemlichkeiten, die das damalige Leben kannte, vermochte sie in Wirklichkeit angestrengt zu arbeiten, zumal jetzt, wo Gram und Sorgen sie fast erdrückten. — Und selbst wenn sie es vermocht, was sollte sie unternehmen? Auf Alexanders Rath, das sah sie ein, konnte sie in dieser Angelegenheit nicht rechnen — und an wen sonst sich wenden? alle Freunde, alle Verwandte waren nicht mehr da, außer ihr

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