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Der Israelit · 1877-03-14 · Heft 11 (14.3.1877) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 11 (14.3.1877)
Date
1877-03-14
Page
– (sequence 11)
Language
German
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251 und Alexander, lebte nur ein einziger von jenen zum Christenthum übergetretenen Juden. —Sollte sie dem einzigen Freund, der ihr geblieben, durch ihre Weigerung, die er sicher als Undank empfinden mußte, verletzen? Zwar besorgte sie nicht, daß er seine Wohlthoten ihr je entziehe, doch diese, nachdem sie ihn verletzt, noch ferner zu empfangen, schien ihr unmöglich. Und doch schien es ihr so schwer, so unendlich schwer, seine Bitte zu gewähren. — Aber sie hatte Schwereres schon zu ertragen gelernt, und so willigte sie denn endlich ein, wenn auch mit bangem, schwerem Herzen. . „Wenn es denn in der That Dein Wunsch ist und ich Dir nützlich sein kann, so darf ich nicht nein sagen." sprach sie mit zitternder Stimme. Er aber jauchzte laut aus, ergriff ihre Hand und wagte es zum ersten Mal, sie an seine glühenden Lippen zu drücken. Dina fuhr zusammen und zog die Hand hastig zurück; gern hätte sie zu gleicher Zeit die soeben ertheilte Einwilligung zurückge-- nommen; doch sie vermochte es nicht und schalt sich selbst undankbar, daß sie es wünsche. Mußte sie denn nicht im Grunde seinen Vorschlag als Glück betrachten? so war doch in sicherster Weise für ihr Kind gesorgt, wenn, wie sie wähnte, ihr Herzschlag bald stocken würde. Und auch das leuchtete ihr ein, daß die frische harzige Luft, die dort weht, dem Wohlsein ihres Kindes nur förderlich sein könnte; sie gab daher seinem Drängen nach und bestimmte ihre Uebersiedelung schon auf einen der nächsten Tage. — Alexander wußte sich in seiner Freude kaum zu fassen; er sah sich seinem Ziele schon so nahe, in seinem Hause sollte die Geliebte als Herrin walten, sie hatte diese seine erste Bitte so leicht gewährt. Der Umzug war vorüber. Dina hatte ihr trautes stilles Häuschen vertauscht mit der großen stattlichen Wohnung ihres reichen Verwandten, und Niemand ahnte, welch' bitterer Kampf es sie gekostet; Niemand hatte die Thränen gesehen, die sie so reichlich in stiller Nacht vergossen. Doch es schien, als sollte sie den Wechsel nicht bereuen. Der Frühling war so wunderschön, und in dem prächtigen Garten, der das Wohnhaus umschloß, mischten sich die lieblichsten Blüthendüfte mit dem kräftigen Duft des nahen Harzwaldes. Gabriel verbrachte den größten Theil des Tages in der reinen stärkenden Luft und seine Kräfte hoben sich zusehends; ein rosiger Schimmer in seinem zarten Antlitz verkündete die Wiederkehr der Gesundheit. Man hatte anfangs gefürchtet, er würde in den weiten fremden Räumen sich nicht so leicht zurechtfinden; doch der bei allen Blinden so hervorragende Orts- und Tastsinn hatte sich auch bei ihm rasch entwickelt; bald gab es kein Plätzchen in all' den verschiedenen Zimmern und Gängen, das ihm nicht vertraut. Alexander hatte ihm einen Hund geschenkt, einen schönen großen Pudel, ein kluges Thier, das bald mit solcher Treue an seinem jungen blinden Gebieter hing, daß es ihn auf Schritt und Tritt begleitete; Gabriel fand an seinem vierbeinigen Spielgefährten den besten treuesten Führer. Furchtlos durchstreifte er mit ihm allein nicht nur die Alleen des Gartens, zuweilen wagte er es sogar, mit ihm die nahe Brücke zu überschreiten, um in dem kühlen Schatten des Waldes zu ruhen. Der Hund verstand ihn bald, wenn er ihn aufforderte, zum Tannenwäldchen ihn zu führen. Je kräftiger er sich jedoch fühlte, um so herber empfand er sein Mißgeschick, des Augenlichtes beraubt zu sein. Dringend bat er die Mutter, ihn in die Schule zu schicken, er sehnte sich nach Unterricht. Doch Dina, die sich noch immer nicht entschließen konnte, ihn mit ihren eigenthümlichen Verhältnissen vertraut zu machen, und ihm daher auch nicht gestehen mochte, daß jene Schule, nach der er sich sehnte, längst aufgehört, vertröstete ihn mit dem Lernen, bis seine Augen genesen. Aber Woche um Woche verging und kein Lichtstrahl erhellte die Nacht des unglücklichen Kindes. Alexander unterwies ihn wohl zuweilen im Rechnen und ähnlichen Gegenständen, doch das genügte dem Wißbegierigen nicht. Um nicht alles, was er früher gelernt hatte, zu vergessen, verbrachte er täglich mehrere Stunden damit, alles, was ihm in's Gedächtniß kam, halblaut vor sich hinzuflüstern; war er zuweilen über eine Bibelstelle nicht ganz im Klaren, so bat er die Mutter, sie ihm in der Ursprache vorzulesen und Dina war nicht llicht im Stande, dem Liebling ihres Herzens irgend etwas abzuschlagen. Das waren Gabriels schönste Stunden und immer häufiger trachtete er, sie sich zu verschaffen. Eines Tages, als der Knabe wieder voll Aufmerksamkeit den Worten der Mutter lauschte, die aus einer hebräischen Bibel ihm vorlas, trat Alexander ins Zimmer. „Um Gott, Dina, was machst Du?" rief er erschrocken, „willst Du uns Alle verderben? willst Du —" Dina winkte ihm jedoch Stillschweigen mit einer bezeichnenden Geberde auf Gabriel; dieser vermochte nicht eigentlich zu entnehmen, um waS es sich handelte; doch von dieser Stunde an war die zu allem andern stets bereitwillige Mutter nicht mehr zu bewegen, den Lieblingswunfch des Knaben zu erfüllen. Traurig ließ er das Köpfchen hängen, und manche Thräne stahl sich aus seine« kranken Augen. Was machte die Mutter wohl

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