Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1877)
- Date
- 1877-03-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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227 nommen. Angstvoll blickte sie zu ihm auf. aber er schien sich zu einem Lächeln zu zwingen. „Ich versteh' Dich nicht, Dina, ich Hab' Dir ja gar nichts zu verschweigen." „„Doch, doch! ich seh' Dir's an. Barmherziger Gott! was ist geschehen?"" Alerander schlug beide Hände vor's Gesicht. „Nein, nein, ich kann's Dir nicht sagen!" stöhnte er. „Du mußt! Du mußt Alexander!"" schrie sie außer sich, „ „red', red', oder ich komm' von Sinnen!"" „Aber Du kannst's nicht ertragen," erwiederte er mit zitternder Stimme. „ „Alles kann ich ertragen, alles — nur das nicht, daß ich nicht weiß, was ist."" Er schaute sie mitleidsvoll an und schüttelte den Kopf. „ „Jst's was von meinem Mann, von meinem Kind?" fragte sie bebend. Schmerzlich seufzend neigte er bejahend das Haupt. Wie im Fieberfrost schlugen ihre Zähne aneinander; sie vermochte kein Wort mehr hervorzubringen, aber ihr flehender Blick wiederholte ihre Bitte. „Weh mir, daß ich's sein muß, der Dir die Schreckenskundebringt!" sagte er und zog aus seinem Busen ein zusammengefaltetes Schreiben. Dina riß es an sich, durchflog es mit den Augen und ein verzweiflungsvoller Wehruf entfloh ihren Lippen. — Das Schreiben war aus W, dem Städtchen, wo ihr Gatte mit dem Kinde ihrer harrte; ein Geschäftsfreund von dort, theilte Alexander in demselben mit, daß seit mehreren Wochen eine bösartige Epidemie dort herrsche, hunderte von Menschen seien ihr bereits erlegen, unter ihnen Dina's Gatte und ihr Kind. „Ich Hab' sie gemordet! ich Hab' sie gemordet!" schrie sie und rannte wie sinnlos im Zimmer umher. „Dina, Dina! um Gott! fasse Dich!" rief Alexander und suchte sie aufzuhalteri. Sie blieb stehen und lehnte einige Augenblicke wie betäubt, den Kopf an seine Schulter, und fuhr daun, wie erwachend, mit der Hand über die Stirn. „Ach, das war ein entsetzlicher Traum", murmelte sie schaudernd. „„Traum?"" wiederholte Alexander mit seltsamer Betonung. „O, ein grauenhafter Traum." Doch im selben Moment fiel ihr Blick auf den Brief, den ihre Hand noch immer umschlossen hielt; ein fürchterliches Zittern fuhr durch ihre Glieder, sie wäre zu Boden gestürzt, hätte Alexander sie nicht unterstützt. „Es ist doch nicht möglich," flüsterte sie, „ich muß mich geirrt haben." Nochmals entfaltete sie das Schreiben und las es halblaut vor sich hin, so vernahm auch Gabriel, der in höchster Spannung ihren Worten lauschte, die Schreckenskunde, und brach in lautes Schluchzen und Wehklagen aus; Dina aber stand wie erstarrt, das geöffnete Schreiben in ihrer Hand. Todtenbleich, wort- und regungslos stand, sie da, keine Thräne füllte ihr Auge, alles Leben in ihr schien entflohen. Alexander, entsetzt über diese leichenhafte Erstarrung, bemühte sich, in den innigsten theilnehmendsten Worten ihr zuzureden. „Dina, meine liebe liebe Dina, denk', daß es Gottes Schickung ist." „„Gottes Schickung!" schrie sic mit wahnsinnigem Lachen. „„Gottes Schickung"" — wiederholte sie schaudernd und bebend. „„Gottes Schickung —murmelte sie tonlos. — „Ja so ist's, Er hat's geschickt, weil ich mich seiner ersteu Schickung Hab entzogen. Aber ich will auch dieser Schickung mich entziehen! ich will das Grab wieder aufreißen, in das man sie verscharrt hat. David, mein David! — meine süße kleine Tirza! — huh, schon verwest, schon zerfressen von Würmern. — Aber du bist nicht gerecht. Gott! oder Du weißt nicht alles! — Weißt du denn nicht, daß nur ich dich verleugnet Hab? — und du forderst ihn und mein süßes schönes Kind! und ich — ich — ich * Hab' sie gemordet! ich Hab' — "" So raste sie fort und fort und vernahm in ihrem wilden Toben nicht das Wehgeschrei, das To esiöcheln der Unglücklichen, die in dieser Stunde ihren Frevel in den Wellen büßten. Vergebens flehte Alexander sie an, sich zu mäßigen, um ihres schwachen, kaum genesenen Kindes willen, dem wilden Ausbruch ihkes Sä-merzes Einhalt zu thun. „Was soll ich noch für ihn thun?" schrie sie außer sich, „für ihn Hab' ich Gott gelästert. für ihn Hab' ich seinen Vater gemordet und sein süßes, schönes Schwesterchen." Der unglückliche Knabe wand sich vor Schmerz, glühende Thränen entströmen seinen kranken Augen. Endlich gelang es der treuen Dienerin, das arme Kind zu entfernen; Dina raste fort, bis ihre Kräfte erlahmten und sie erschöpft zu Boden sank. Alexander eilte zu ihr. mit stark.m Arm hob er sie empor und trug sie zu dem Bette, wo er sie niederlegte. Sie war ohnmächtig, aber er versuchte nicht, sie zu erwecken, die Oh macht war Wohlthat für sie. Die Nacht brach herein, mit magischem Glanze erhellte der Vollmond das Zimmer.' seine milden Strahlen fielen gerade auf das Gesicht des ohn-