Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1877)
- Date
- 1877-03-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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226 Armen und stürzte fort. Pfeilschnell flog sie den Stiegen zu, die zu jenem Gebäude führten. Simon im raschen Lauf ihr nach, doch ohne im Stande Z» sein, sie zu erreichen. „Haltet sie! haltet sie! sie ist wahnsinnig!" schrie er,selbst dem Wahnsinn nahe, doch Niemand achtete ferner. Schon war sie oben. „Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist ein einziges ewiges Wesen!" rief sie noch einmal mit helltönender Stimme, und die verhängnisvolle Schwelle hatte sie überschritten. Simon stürzte in Zuckungen vor den Stufen zur Erde Fast im selben Moment erzitterte die Luft von einem furchtbar grauenvollen Jammergeschrei. Das Volk, das vor dem Tempel der Rückkunft der Juden haute, erbebte. „Was ist's?" schrie Einer dem Andern zu. „„Was das ist?" schrie der Herold mit schrecklichem Lachen, „„hört, ich will's Euch sagen. Jener Tempel dort, auf dem des Judengottes Namen prangt, erstreckt sich bis zum Strome; dorthin schleppt man das ruchlose Judenvolk, das die heilige Taufe empfangen, und doch dem alten Judengotte fröhnt. Henkersknechte knebeln sie und schleudern sie geknebelt von den Zinnen ihres Tempels in das Wasser. Hört Jhr's! jetzt beginnt^/'" In der That vernahm man jetzt ein Rauschen und ein Plätschern, als stürzten schwere Körper in die Fluth; für den Augenblick schien das Klagegeschrei sich zu verdoppeln; doch je mehr die Wasser rauschten, je schwächer wurden die schrecklichen Laute, und bevor noch die Sonne zum Untergang sich neigte, waren sie verstummt. Von allen diesen Gräuel hatte Dina nichts vernommen. Das Herz erfüllt von Sehnsucht nach dem Galten und dem Kinde, begrüßte sie diese ersten milden Tage mit inniger Freude. Die Luft war so lau, so frühlingsmilde, daß sie es heute wohl wagen durfte, ihren zarten Knabenin's Freie zu führen und mit ihm ihre fernen Lieben aufzufuchen. Alexander stimmte ihr bei, doch nicht allein sollte sie die Reise unternehmen, er selbst wollte sie begleiten und eilte fort, ein Fuhrwerk zu besorgen. In froher Hast traf Dina noch die letzten Vorbereitungen zur Reise, sie waren rasch beendet; längst hatte sie ja diese Stunde herbeigesehnt, und alles geordnet, um beim ersten warmen Sonnenschein die Heimath zu verlassen. Ihr kleiner blinder Gabriel theilte ihre freudige Ungeduld und lauschte mit angehaltenem Athem, ob er das Fuhrwerk, das der Vetter zu bringen versprochen, noch nicht vernehme. Doch die Zeit schritt vor und Alexander erschien nicht. Dina hatte jenes junge Mädchen, das während ihrer Taufe ihr krankes Kind beaufsichtigt hatte, in ihren Dienst genommen und Marie hing mit liebevoller Treue an ihrer Gebieterin, die immer so freundlich gegen sie war, und ihr jenen Liebesdienst reichlich vergolten hatte. Ohne daß ihre Herrin es ihr aufgetragen, war Marie in Alexanders Wohnung geeilt um ihm zu sagen, daß Dina vor Ungeduld vergehe. Sie hatte ihn am Schreibtisch getroffen, und er hatte ihr gesagt, er werde unverzüglich kommen. Mit dieser freudigen Nachricht eilte sie heim und Mutter und Sohn horchten nun in athemloser Spannung auf das Rollen eines Wagens, doch ließ sich keines vernehmen; nach wenigen Minuten jedoch trat Alexander in's Zimmer. „Ist kein Fuhrwerk zu haben?" rief Dina ihm entgegen. „Ach das thut nichts, Mutter", fiel Gabriel ein, „ich bin schon stark genug, und wenn Du mich nur führen willst, so können wir ganz gut zu Fuß weiter kommen. Komm laß' uns fort, Mutter, ich möcht' den Vater und die kleine liebe Tirza schon einmal wieder küssen" und mit ungestümer Hast ergriff er die Hand der Mutter, um sie zur Thür zu ziehen. Dina's Auge aber hastete auf Alexander, der noch immer wortlos mitten im Zimmer stand, und an den Tisch sich lehnte; sah e Blässe bedeckte sein Angesicht und seine Brust hob sich hörbar und hastig. „Was ist Dir geschehen? ' rief Dina und erfaßte theilnehmend seine Hand. Er fuhr zusammen und schien nur mit äußerster Anstrengung zu sprechen. „„Mir ist nichts geschehen."" erwiederte er tonlos mit bebender Stimme, während sein Blick voll schmerzlicher Innigkeit auf dem schönen bleichen Knaben ruhte, er beugte sich zu ihm nieder und küßte ihn auf die Stirn. „Warum weinst Du, Vetter?" fragte der Kleine, der eine Thräne auf seiner Wange fühlte. „„Nicht um mich, mein theures Kind,"" erwiederte Alexander mit tiefem Seufzer. „Nicht um Dich," wiederholte Dina und eine bange Ahnung zog durch ihre B-ust, „sag* mir doch, um wen Du weinst." Alexander schüttelte heftig abwehrend das Haupt und preßte beide Hände auf die Brust. Doch endlich schien er sich zu ermannen, „es hilft nichts," murmelte er vor sich hin, „ich kann'S ihr doch nicht verschweigen." „„Was kannst Du mir nicht verschweigen?"" rief Dina, die seine halblauten Worte wohl ver-