Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1877)
- Date
- 1877-03-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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228 mächtigen Weibes: Alexander stand vor ihr, mit unheimlich glühenden Blicken sie betrachtend. „Jetzt ist sie mein!" flüsterte er, „jetzt entgeht sie mir nimmer. Nur Ruhe muß ich ihr gönnen, und die soll sie haben. Aber dann — dann. — Armes Weib, ich hätt' ihr's gern erspart — aber so lange sie wußte, daß er lebt, hätte sie nimmer auf mich gehört — und ich muß sie haben, ich kann sie nimmer m'ssen. Wahnsinn wär's gewesen, Selbstmord, hält' ich sie jetzt von mir gelassen. — Dreizehn Jahre Hab' ich müssen werben, — dreizehn Jahr' — 's ist eine lange Zeit—aber jetzt will ich leben." Die Ohnmächtige regte sich, sie schien dem Erwachen nahe. „David, mein David/' flüsterte sie. - „„Verflucht!"" murmelte Alexander, „„wann wird sie einmal meinen Namen in diesem Schmeichelton nennen? Doch Geduld, Geduld, auch das wird kommen — ihren David ruft sie sich doch nicht herbei."" Sobald sie den Knaben zur Ruhe gebracht hatte, kam Marie wieder herein, um vereint mit Alexander am Bette dce H.rrin zu wachen. Dina's Ohnmacht war indessen, ohne daß sie inzwischen erwacht wäre, in einen ruhigen Schlummer übrrgegangen. der bis zum Morgen währte, und als sie endlich die Augen öffnete, war sie so ermattet, daß sie kaum im Stande war, sich zn regen. Alexander hatte sich bereits entfernt, aber neben der treuen Marie lehnte ihr Kind, in dessen bleichen Zügen Angst und Kummer sich mallen. Die lichtlosen Augen der Mutter zugewandt, als vermöchten sie trotz ihrer Blindheit das Bild der Theuren seiner Seele zuzuführen. Dina gewahrte mit Schrecken die Verheerungen, die die schmerzlichen Erregungen des gestrigen Tages an ihrem leidenden Knaben geübt, und nicht mit Unrecht klagte sie sich an, selbst dazu beigetragen zu haben, ihr unglückliches Kind noch unglücklicher zn machen. Hatte er nicht gcnug zu tragen an seiner Blindheit, nicht genug an dem Verlust des Vaters und der Schwester, die er so innig geliebt, hatte sie ihm auch noch vorwerfen müssen, daß er Schuld an dem Tode Beider rrage. Ihr Herz mar zerrissen, sie litt unsäglich, und fort und fort rief ihr Gewissen ihr zu, daß sie allein, sie ganz allein an allem Schuld. Und diese Schuld hatte sie auf ihr Kind, auf dieblinde vaterlose Waise wälzen wollen — und er war Doch ihr Alles, das einzige Band, das sie noch an's Leben knüpfte. Für ihn allein wollte sie fortan leben. Mutterliebe hatte sie zum Frevel getrieben, Mutterliebe sollte ihr nun beistehen, Schmerz und Verzweiflung zu bekämpfen. Mochte das Herz ihr bluten aus tausend Wunden, ihr Kind sollte es nimmer mehr gewahren. Mit ihm wollte sie stets ruhig und möglichst heiter sein; in seiner Gegenwart sollte keine Klage ihren Lippen entschlüpfen. Sie versuchte sich aufzurichten und mit Marie's Hilfe gelang es. Sie streckte ihre Hand dem Kinde entgegen und Marie führte den Blinden in ihre Arme; laut weinend warf er sich an der Mutter Herz. Sie umschlang ihn und suchte ihn zu beruhigen mit sanften milden Trostworten; und wenn das Herz ihr zerspringen wollte vor unsagbarer Qual, ein Blick auf die blutunter? laufenen glvthrothen Augen ihres Kindes genügte, um ihrer Stimme Sicherheit und Ruhe zu verleihen, Verzweiflung im Herzen, hatte sie nur Trost auf den Lippen, und sprach so milde, so freundlich, so überzeugend, daß ihres Kindes Thränen bald versiegten. Marie machte ihm kühlende Umschläge auf die glühenden Augen, half dann ihrer Herrin das Bett verlassen und sorgte für Alles. Das junge, unerfahrene Mädchen entfaltete in diesen schweren Tagen eine Thätigkeit, eine Umsicht, wie sie nur die treueste Hingebung erzeugt. Seltsam war es jedoch, so treu sie ihre Herrin und deren Kind liebte, so verhaßt mar ihr deren Freund und Beschützer. Obgleich Alexander es nie an Freundlichkeit, selbst nicht an Geschenken, für die Dienerin hatte fehlen lassen; wovon aber Dina selbst auch nicht die entfernteste Ahnung hatte, das batte das junge Mädchen längst erkannt; sie wußte, daß eine unlautere Leidenschaft die Brust des Mannes erfüllte, und war fest entschlossen, über dem ahnungslosen Gegenstand derselben zu wachen. Wußte sie Alexander bei ihrer Herrin, so blieb sie horchend an der Thür; doch obgleich sie nie ein unlauteres Wort von ihm vernommen, ihrMißtrauen zu ihm wollte sie sich nicht nehmen. Vom ersten Tage an hatten seine Blicke sie erschreckt, die so oft in glühendem Verlangen auf Dina ruhten. Seit gestern hatte sich jedoch ihre Antipathie gegen ihn wo möglich noch gesteigert; sie war Zeuge gewesen, als er seinen Verwandten die Todesnachricht überbracht und der Schmerz, den er darüber geheuchelt, hatte sie mit Verachtung und Abscheu gegen ihn erfüllt. (Fortsetzung folgt.)