Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1877)
- Date
- 1877-03-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XY1II. Jahrgang. Erste Beilage zu Nr. 10 -es Israelit. AeilnngSnachrichlen Sf Correspondenzen. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Pesth. Der Nestor aller Schullehrer heißt Joseph Mannheimer, lebt in Lackenbach bei Oedenburg, zählt volle 102 Jahre, hört und sieht scharf, ißt und trinkt mit Appetit, schlaft wie Einer und hat dieser Tage mit seiner LZ Jahre alten Frau Rebecca seine diamantene Hochzeit gefeiert. Die Jubelrede hielt er sich und seiner Fran selber. Rebecca, sagte er, wir sind Glückskinder; ich bin über Pari, Du bist eine Neunundneunzigerin und obendrein.«'ne Perle von 'ner Frau, wir feiern heut mit Diamanten, sind wir nicht reiche Leut'? Feuilleton. Aus dem Mittelalter. Von Friedrich Rott. IV. Es war im Anfang März, die Luft war lau und milde. Zum ersten Mal seit ihrer Krankheit war es Leah gestattet, ihre Wohnung zu verlassen; sie war noch schwach, Simon stützte sie. Mit vollen Zügen athmete sie die lang entbehrte frische Luft; die einen rosigen Schimmer auf ihr reizendes Antlitz warf. Simon vermochte kein Auge von ihr zu wenden, nie hatte ec sie so'schön gesehen. Langsam wandelten sie den Strom entlang, in dessen silberschäumenden Wellen die Strahlen der Sonne sich brachen. Leah war erschöpft, ein^ ungeh"urer Baum lag am Ufer, dort setzten Beide sich nieder. „Wie schön," sprach sie, „wie wunderschön ist's hier; drüben die hvhen Berge, auf deren Spitzen noch Schnee liegt, hier die glitzernde Fluth, und dort die Felder mit den Arbeitern, die —" Sie wurde unterbrochen, lautes Durcheinanderschreien einer sich noch immer vergrößernden Volksmasse. Die Trompete des fürstlichen Ausrufers ließ sich vernehmen, aus den Häusern eilten die Leute, um durch den Herold die Befehle des Landesherrn entgegen zu nehmen; schon inmitten der Stadt hatte er sie verkündet, hier am Ende derselben wiederholte er sie noch einmal. Noch ein Trompetenstoß und der Herold begann: „Der milde gütige LaudeSvater ließ seinen Unterthanen kund und zu wissen thun, dgß er mit innigem Schmerz gewahre, wie so viele jener neuen Christen, die zu Ende vorigen Jahres die heilige Taufe empfangen, ihren neu erworbenen Glauben nur im Aeußern anzuhängen scheinen. Die hehre^ . Absicht des edlen Fürsten scheine somit vereitelt^ denn zu Heuchlern wolle er sein Volk nichtHchi^ ziehen; er wolle nicht, daß seine Unterthanen einem^ Glauben Treue heuchelten, die sie nicht empfinden. Er erkenne, er habe gefehlt, wenn auch in reinster Absicht. Doch diesen Fehler gut zu machen, gebe er Jedem, der es wünschen sollte, Erlaubniß, zu seinem früheren Glauben zurückzukehren. Der Herold deutete auf zwei einander gegenüber liegende tempelartige Gebäude; auf dem einen prangte das Symbol des Christenthums, auf dem andern in großen hebräischen Lettern der GotteSname, wie ihn der Jude immer ausspricht. „Wer zum Judenthum zurückkehren will, eile in jenen Tempel; wer beim Christenthum verharren will, eile, wo das Kreuz ihm winkt!" Und alle Juden, die aus mannichfachen Rücksichten mit gramerfülltem Herzen ihren Glaub«! verleugnet hatten, jauchzten auf in lauter Freuds * „Höre Israel, der Ewige ist unser Gott! der Ewige ist ein einziges ewiges Wesen!" erscholl es nahezu hundertfach, und sie stürzten Alle dorthin, wo der heilige Gottesname strahlte. Auch Leah hatte miteingestimmt in diesen Ruf, ihre Augen leuchteten, sie war aufgespeungen, den dahineilenden Glaubensgenossen zu folgen; aber Simon hielt sie mit Gewalt zurück. „Das ist eine Schlinge," flüsterte er mit bleichen verzerrten Zügen. „Schon gestern Hab' ich davon gehört, habe aber nicht gedacht, daß es schon so nahe. Um Gott! Leah, laß Dich nicht verlo cken, wir müssen dorthin, wo das Kreuz sich hebt." „„Niemals!"" rief sie, ihn voll Verachtung anblickend, „„glaubst Du, ich würde zum zweiten Mal Gott lästern?"" „Still! um Gottes willen, still! wer jenes Haus betritt, ist verloren, ich schwöre Dir's. Folg' mir, oder wir sind des Todes." Mit aller Kraft schleppte er sie ein paar Schritte weit mit sich fort. Sie schaute ihn an, ihre Wangen glühten, ihre Blicke strahlten, ein Lächeln umspielte ihren seingeschnittenen Mund. Da plötzlich, wie mit Riesenkraft entriß sie sich den sie umschlingenden