Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1877)
- Date
- 1877-03-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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223 größten Männer veranlassen kann, mit mir nach Halbersiadt zu gehen und in meiner Gemeinde als Rabbiner das Thorastudium zu fördern. Wir hatten den Maharich engagirt, aber die Frankfurter haben ihn uns weggekapert. Darüber herrscht großer Kummer in Halberstadt. Nun möchte ich einen Raw mit nach Hause bringen, der dem Maharich nicht nachfteht, einen Mann, der nicht nur ein großer Lamdan (Gelehrter), sondern auch ein großer Charis (scharfsinniger) ist, einen Mann, ans den Halbersiadt stolz sein könnte und der die Thvrah dort heimisch mache für ewige Zeiten." „„Ich wüßte Euch einen solchen Mann,"" nahm Rabbi Wolf, der zweite Vorsteher, das Wort, „„einen Mann, der, wie unsere Weisen sagen, Sinai weoker Horim ist?) einen Mann, der einer der bedeutendsten Familien entstammt, einen Mann, dessen Frömmigkeit und heiliger Wandel noch sein Wissen übertreffln, einen Mann, wie es vielleicht in der ganzen Welt keinen zweiten gibt, aber „Kein Aber! Wenn der Mann so ist, wie Ihr sagt, so engagire ich ihn; ich achte das Geld nicht; ich verspreche ihm, was er will, und sollte es das Doppelte kosten oder das Dreifache von dem, was die Gemeinde bezahlen kann, so bezahle ich den Rest allein." „„Verzeiht, Rabbi Bärmann, ich glaube nicht, daß der Mann mit Geld zu gewinnen ist. Es ist Rabbi Hirschele Charis, der Rabbiner von Bialeh. Ost genug haben große und bedeutende Gemeinden ihn aufgefordert, ihr Rabbiner zu werden — er hat es abgelchnt. Er meint, in dem kleinen Ort ungestörter studiren und forschen zu können. Wie wollt Ihr ihn bewegen, mit Euch nach Deutschland zu gehen. in ein unbekanntes Land, in ungekannte Verhältnisse? Ich glaube, wenn ihm der König alle seine Schätze in Aussicht stellen würde, er wäre nicht zu bewegen. Eurem Rufe zu folgen."" Ein Diener trat herein. „Herr Resident," sagte er, „es ist ein junger Mensch draußen, der durchaus Einlaß verlangt. Ich sagte ihm, der Herr sei beschäftigt, habe Besuch; er aber weint und jammert und fleht; er behauptet, den Herrn sofort sprechen zu müssen; es hänge das Leben von vielen Menschen davon ab." „„Laß ihn eintreten!"" sagte Rabbi Bärmann. v Ein halberwachsener Knabe trat herein, der sich ängstlich im Kreise umschaute. Rabbi Bärmann stand auf, trat ihm entgegen und sprach: „Du wünschest mich zu sprechen, mein Sohn? sprich ohne Scheu." „„Seid Ihr der Königliche Resident, der einem Engel Gottes gleichen soll, von Gott geschickt, um die entsetzlichen Leiden Israels zu mildern, zu lindern, um zu helfen und zu erretten?"" Rabbi Bä.mann lächelte. „Ich bin der Königliche Resident," sagte er. Der Jüngling warf sich auf die Erde und umfaßte die Knie Rabbi Bärmann's. „O helft, rettet," flehte er unter strömenden Thränen. „Ein Großer, ein Fürst des Landes hat meinen Vater, meine Mutter, meine Brüder einkerkern lassen und bedroht sie mit dem Tode. Meine Schwester und ihr Bräutigam haben entfliehen müssen und werden verfolgt. Wehe ihnen, wenn sie ergriffen werden!" Rabbi Bärmann wollte den Jüngling em- . porheben. „Stehe auf, mein Sohn." sagte er, „und erzähle mir Alles ausführlich " „/Ich stehe nicht eher auf, bis Ihr mir versprochen habt, zu helfen." " „Thörichter Knabe, wenn es sich darum handelt. mazil nephesch^) zu sein, so ist es selbstverständlich. daß ich Alles thue, was in meinen Kräften steht, um zu helfen. Da bedarf es nicht erst eines besonderen Versprechens." Der Jüngling erhob sich. sagte er, „Ihr seid in der Thct ein Engel Gottes!" „„Wer bist Du, mein Kind?"" „Ich heiße Salomon und bin der älteste Sohn des Rabbiners von Bialeh." „„Von Bialeh? Rabbi Hirschele Charif?"" „So nennt man meinen armen, unglücklichen Vater." Auch die Vorsteher hatten sich erhoben; sie umdrängten den Jüngling. „Was!" rief Rabbi Jsserle, „Rabbi Hirschele Charif im Gefängniß?" „ „Er und meine Mutter und meine Brüder!" " rief Salomon und begann aufs Neue zu weinen „Wie ist das möglich!" schrie Rabbi Wolf. „„Ich bitte, Rabaaußai(meineHerren),"" sagte Rabbi Bärmann, „„so kommen wir nicht zum Ztele! Laßt mich den Knaben fragen. Wer hat Deinen Vater einkerkern lassen, Salomon?"" „Der Fürst!" 1) großes Wissen mit großem Scharfsinne vereint. 2) Menschenleben zu erretten.