Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1877-02-28 · Heft 9 (28.2.1877) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 9 (28.2.1877)
Date
1877-02-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447695-2447705--13460-2469328
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

202 empfingen beide die Taufe. Dann reichte der Prester ihr das Symbol seines Glaubens zum Kusse; ihre bleichen kalten Lippen berührten das K euz, dann aber brach sie ohnmächtig zusammen. Simon empfing sie in seinen Armen und suchte durch Besprengen mit kaltem Wasser die schlummernden Lebensgeister wieder zu beleben. „Die Sorge um den kranken Vater wird sie selber noch krank machen', sprach er wie entschuldigend zu dem Priester. Doch dieser hatte nicht sobald in Erfahrung gebracht, daß noch ein Jude im Hause, als er darauf drang, auch diesem die Taufe zu spenden. Vergebens bemühte sich Simon, ihn davon zurückzuhalten, er stellte ihm vor, daß der Mann bereits im Sterben; doch der Geistliche hielt sich dadurch nur um so mehr verpflichtet, seine Seele vor ewiger Verdammniß zu wahren. Von der kleinen Hanna ließ er sicy in's Nebenzimmer zum Bette ihres Vaters geleiten. Der Kranke schlummerte. Der Priester sprach die übliche Taufiormel und benetzte die Stirne des Schlummernden mit Weihwasser. Dieser schlug die Augen auf und starrte voll Entsetz.» auf den fremden Mann in Ordenstracht. War's ein Traum? — Oder neckten Fieber- Phantasieen ihn? — Doch der Geistliche ließ sich nieder an seinem Bette und sprach in festen tröstenden Worten von dem Heil seiner Seele, das nunmehr gesichert, von dem Erlöser, der auch für ihn gestorben, von der endlosen Glückseligkeit, der er demnächst entgegengehe und so weiter u. s. w. Unwillkürlich, doch ohne ihn vollständig zu verstehen, lauschte der Kranke seinen Worten; doch als er schließlich auch ihm das Kreuz zum Kusse reichen wollte, da flackerte die bereits im Erlöschen begriffene Lebensflamme noch einmal hell auf. Er fuhr plötzlich in die Höhe; der Priester wähnte, er komme ihm entgegen, doch die Augen des Sterbenden rollten wild, Schaum trat vor seinen Mund — in diesem Augenblick stürzte Lea mit lautem Schmerzensschrei zum Bette des Vaters. Dieser ballte die Faust und mit letzter Anstrengung holte er aus zum Schlage, das ihm dargereichte Kreuz zu zertrümmern; der Priester wich zurück und der Sterbende stürzte aus dem Bette auf die in ihrer Verzweiflung am Boden sich windende Tochter. Es gelang nicht, Leah zum Bewußtsein zu bringen; als sie die Augen aufschlug, hatte ein hitziges Fieber die Besinnung ihr geraubt. Simon benützte dieses, und ließ die Kranke sammt ihrer kleinen Schwester in seine Wohnung bringen. Viele Nächte hindurch hatte Simon an ihrem Bette gewacht, denn er liebte sie mit leidenschaftlicher Gluth; und sie war sein, sie hatte ihn geliebt, das wußte er, und ihr Vater selbst hatte sie ihm verlobt. Trotzdem harrte er voll Angst des Moments, da ihr Auge ihn wieder erkennen werde; denn in ihren Fieber-Phantasien hatte sie seinen Namen zwar wiederholt genannt, ihn jedoch jedes mal mit einer Verwünschung begleitet. Endl'ch nahte der so heiß ersehnte und doch so gefürchtete Augenblick; die Wärterin, die auf sein Geheiß die Kranke pflegte, berichtete ihm, Leah habe nach der kleinen Hannaverlangt. Simon, in höchster Erregung, eilte zu dem Kinde und nahm es auf den Arm, auf seine Bitte schlang die Kleine, deren Zuneigung er in der That gewonnen hatte, ihre runden Aermchen um seinen Hals, so hoffte er ihrer Schwester willkommen zu sein, und begab sich so in's Krankenzimmer. Er hatte sich nicht verrechnet. Leah lächelte dem Kinde zu und dieses streckte jauchzend die Hände ihr entgegen. Simon setzte sich zum Bette, die Kleine auf den Knien haltend, die so in leichtester Art die Schwester mit ihren Liebkosungen überhäufen konnte. Und konnte Leah wohl unfreundlich auf den blicken, der sich ihr so liebevoll, ihrer Schwester so brüderlich sich zeigte, sie schien der letzten Unterredung mit ihm nicht mehr zu gedenken, freundlich reichte sie ihm die Hand. „Ich bin Dir wohl recht vielen Dank schuldig, Simon; ich weiß zwar nicht alles, aber ich glaube, Du hast gar viel für mich gethan." „„Red' nicht davon, meine liebe, liebe Leah"", und das Herz wollte ihm zerspringen vor unsäglicher Lust. „„Du weißt's ja, daß es für mich nichts mehr giebt, als wenn ich für Dich was thun kann; wenn Du aber auch für mich was thun willst, so schone Dich, daß Du bald gesund wirst/'" Sie blickte ihn an, eine undeutliche Erinnerung tauchte in ihr auf; es kam ihr in der That so vor, als sei ihre jüngste Begegnung mit Simon keine so ganz freundliche gewesen, als sei ein feindliches Etwas zwischen ihnen gestanden, doch sie vermochte nicht, sich klar hierüber zu werden und schloß erschöpft die Augen. Ihre Genesung schritt vor; je mehr jedoch ihre Kräfte sich hoben, je klarer traten die Ereignisse, die ihrer Krankheit vorausgegangen, wieder, vor ihr inneres Auge, und statt des beseligenden Gefühls wieder erwachender Lebenskraft war ihr Herz erfüllt von düsterer Schwermuth. Zu schwach noch, um sich in Erörterungen einzulassen, schloß sie die Augen, sobald Simon in's Zimmer trat, es diesem so unmöglich machend, sie anzureden. Nachdem sie jedoch kräftig genug war, das Bett zu verlassen, konnte sie auch einer Unterhaltung mit ihm nicht mehr ausweichen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.