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Der Israelit · 1877-02-28 · Heft 9 (28.2.1877) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 9 (28.2.1877)
Date
1877-02-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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199 * zur Aufgabe, die schwierigen, unverständlichen Lesarten im Talmud, welche Rabbi Salomo Loria (Meharschal) und Rabbi Samuel EdeleS (Meharfcha) durch andere ersetzen wollten, zu retten. „Mechkenen" (auSstreichen), pflegte er zu sagen, »ist keine Kunst." Und mit kritischem Blick wies er dann scharfsinnig nach, daß gerade die alten, schwierigen Lesarten die echten seien. Fünf Söhne, die zu jener Zeit alle noch sehr jung waren, wuchsen zu seiner Freude heran, und eine, durch wunderbare Schönheit ausgezeichnete Tochter Bella, die er seinem Lieblingsschüler, Rabbi Moscheh Brisk verlobt hatte. Da kam der junge Fürst Lubomirski mit seiner jungen Gemahlin nach Bialeh auf seine Güter. Wiewohl der Fürst mit dem schönsten Weibe des Reichs vermählt war, entbrannte er doch in unerlaubter Liebe zu der Tochter des Rabbinen und verfolgte sie auf Schritt und Tritt. Die ganze jüdische Gemeinde erzitterte, als man das auffallende Gebühren des Fürsten bemerkte. Man beschloß, die Tochter des geliebten Rabbinen dadurch vor ihrem vornehmen Verfolger zu schützen, daß man die Fürstin auf die unerlaubte Neigung ihres Gemahls aufmerksam machte. Dieser Schritt blieb nicht erfolglos; es kam zu heftigen Auftritten zwischen dem Fürsten und der Fürstin, und als gleichzeitig die Nachricht kam, daß der Cordinal-Primas mit dem neuen Könige Frieden gemacht und August in Warschau einzezogen sei, da bestand die Fürstin darauf, daß ihr Gemahl mit ihr sofort nach Warschau reise, um den Carneval dort zuzubringen. Der Rabbi und die Seinen, und mit ihm die ganze Gemeinde, waren hoch erfreut, als sie die Abreise des fürstlichen Paares erfuhren, und alsobald wurden die Vorbereitungen zur Hochzeit Bella's getroffen. Es war das erste Kind, das der geliebte und so sehr verehrte Rabbi verheirathete, und die ganze Gemeinde nahm den herzlicysten Antheil an seiner Freude. Allein der Aufenthalt des Fürsten in Warschau hatte nur wenige Tage gewährt, als er durch den Zwist mit seiner Gemahlin veranlaßt wurde, auf seine Güter zurückzukehren. Mißmuthig saß der Fürst in seinem Reisewagen, neben ihm saß. in sich gekehrt, sein ehemaliger Lehrer und jetziger Hauskaplan, Pater Dominik. „Verdammt!" schrie der Fürst, als er seines Schlosses, das auf einer Anhöhe vor dem Städtchen lag, ansichtig wurde, „da liegt das alte Eulennest! Wie werde ich mich darin langweilen! Wie angenehm könnte ich jetzt in Warschau leben, wenn Prinz Conti König geworden wäre und dieser sächsische Stier sich befände, wo der Pfeffer wächst." „„Euer Gnaden können sich die Zeit mit der Jagd vertreiben"", wagte Pater Dominik zu sagen. „Ich liebe die Jagd nicht," entgegnete der Fürst. „Ja, wenn mich der verdammte Schwur nicht bände, so würde ich mir schon Zeitvertreib verschaffen. Halt, Pater Dominik, Ihr seid doch ein geweiheter Priester und habt die Macht, zu lösen und zu binden. Auf, löset den verdammten Schwur, und ich zahle Euch als Ablaßgeld hundert Ducaten!" „„Gnädigster Herr Fürst Georg zog eine Pistole aus seiner Tasche, spannte den Hahn und zeigte sie dem Pater. „Keinen Einwand, Pater, oder..." Zitternd erfüllte der Priester das Verlangen des Fürsten. „So," sagte dieser, „jetzt werde ich mich nicht langweilen; ich habe jetzt ein Wild; die Jagd auf dieses schöne Wild wird interessant und aufregend genug werden." Der Wagen fuhr durch das meistens von Juden bewohnte Städtchen. Ueberall war eine freudige Aufregung, ein festliches Treiben zu bemerken. Fürst Georg ließ den Wagen halten, stieg aus und fragte einen vorübergehenden Knaben: „Was geht denn heute vor in dem Städtchen?" „„Des Rabbi's Tochter, Bella,"" antwortete der Knabe, „..macht heute Hochzeit mit Rabbi Moscheh BriSk. Gleich wird im Sckulhof (Synagogenhof) die Chuppah (Trauung) sein."" „Aha," lachte der Fürst, „da komme ich ja gerade recht!" Er befahl dem Kutscher in die Nähe der Synagoge zu fahren, und dort auf ihn zu warten. Dem Pater befahl er, voraus in das Schloß zu gehen und daselbst seine baldige Ankunft zu melden. Fast die ganze Gemeinde war im Synagogenhof versammelt. Braut und Bräutigam trugen, um der Trauer um Jerusalem willen, Leichengewänder. Sie standen unter einem auf Stangen befestigten Baldachin. Vier Jünglinge hielten die Stangen, der Rabbiner, in den Gebetmantel gehüllt, einen Becher Wein in der Hand, wollte soeben die Benedictionen zu sprechen beginnen, da rief eine Stimme: „halt, halt!" un) mit Entsetzen sah man den jungen Gutsherrn durch die Menschenmenge Bahn brechen. Bald war er bis zu dem Brautpaare und dem Rabbinen vorgedrungen. „Halt!" rief er noch einmal, „ich, Euer Gutsherr, protestire gegen diese Hochzeit, ich erlaube sie nicht." Der Rabbiner schlug das Talith zurück. „ „Gnädigster Herr!' " rief er zitternd.

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