Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1877)
- Date
- 1877-02-21
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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186 den weitaus meisten Fällen die Gewährung ihrer Bitte; nie hat er einen Brief unbeantwortet gelassen. Wir könnten nocy viele, viele Züge bewunderungswerther Wohlthätigkeit anführen; wir unterlassen es, weil wir doch nie zu Ende kommen würden. Gestern, am 15. Februar, fand das Leichenbegängniß statt. AuS weiter Ferne hatten sich die Verwandten, Freunde und Verehrer des Dahingeschiedenen eingefunden, aus Berlin und Hamburg, aus Frankfurt am Main, Carlsruhe, Mainz, Hannover und vielen andern Städten; aus den nahegelegeneu Ortschaften hatten sich ebenfalls Viele eingefunden; von den Einwohnern Halderstadt's waren die Juden fast ausnahmslos, die Nichtjuden — unter ihnen die höchsten Beamten der Stadt und der Behörden — in unübersehbarer Menge erschienen. Das Leichenbegängniß begann um 1 Uhr Mittags und währte bis nach 5 Uhr; ander Bahre, im Sterbehause, sprach zuerst der Schwager des Dahingeschiedenen, Hr. Rabbinervr. Hildesheimer aus Berlin, nur wenige, aber tieferschütternde Worte; dann sprach der ältere Bruder, Hr. Gustav Hirsch '"j aus Berlin, mit schmerzerstickter Stimme, allgemeines Wehklagen und strömende Thränen hervorrufend; Hr. Rabbinatsassessor I o s e p h a t Hr. Rabbinatsass. Lange '"j, Hr. Oberlehrer Lasch'":, Hr.vr. Berliner aus Berlin und Hr. Benjamin Hirsch ein Neffe des Heimgegangenen, sprachen dann herzergreifend, oftma s von dem Wehklagen der Anwesenden unterbrochen. Um 2 7* Uhr bewegte sich der unabsehbare Leichenzug nach dem Friedhofe, der unmittelbar vor dem Stadtthore sich befindet. Hier sprachen, zuerst der Rabbiner von Halbeistadt Hr. Or. Auerbach der im Aufträge des Rabbinatscollegiums und der Gemeinde dem Verewigten den wohlverdienten Morenutitel verlieh, dann der zweite Vorsteher der Gemeinde (der Verewigte war der erste Vorsteher gewesen), darauf der Herausgeber dieser Blätter, und zum Schluß Herr Oberrabbiner vr. Löb aus Altona. Das so ungemein zahlreich anwesende Publicum folgte mit der größten Theilnahme den Ausführungen der Redner, und die reichlich fließenden Thränen auch der nichtjüdischen Freunde und Verehrer des Verstorbenen bezeugten zur Genüge, wie sehr ihm die allgemeine Liebe. Hochachtung und Werthschätzung zu Theil geworden. Die Erde deckt nun die irdischen Reste des guten, edlen Freundes; seine unsterbliche Seele weilt am Throne des Höchsten. Wir, wir haben ihn verloren und beweinen den wackern Mitstrebenden, den hingebenden Freund, den theuren Verwandten; aber nicht nur wir — ganz Israel, ja die ganze Menschheit. Alle, Alle haben ihn verloren. Möge dieser herbe Verlust ein Sporn sein für Alle, Dihta njnu 'i rwv -ipk, die das Streben haben, für das Judenthum und seine Wahrheiten und die thaterfüllte Bewährung seiner Grundsätze einzutreten, die Lücke auszufüllen. Gott aber möge die fromme Wittwe 'nr uud die zu den schönsten Hoffnungen berechtigenden Kinder des Abberufenen trösten, die ihnen geschlagene tiefe Wunde heilen und ihnen das Glück geben, daß sich ihnen und uns Allen erfülle, Tim:)} pns -dt, daß das Andenken an den uns verlorenen Frommen fort und fort segensreich wirke. rV'a'Wn. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 19. Februar. „Schon wieder ein Aufruf?" werden viele unserer geschätzten Leser fragen. Wahrlich, auch uns ist es peinlich, daß wir so oft gezwungen sind, an die Güte unserer Freunde zu appelliren; wir kennen die Schwere der Zeit, den allgemeinen Druck der Geschäftslage, die gerade zur außergewöhnlichen Inanspruchnahme der Wohlthätigkeit in den nächsten Kreisen vielfach Veranlassung geben. Trotz all' dieser Misere glauben wir, in dem heutigen Falle keine Fehlbitte zu thun. Ein Nothschrei kommt uns von Jerusalem ^u; die Oberrabbiner der Gemeinden dieser Stadt schreiben uns, daß sie seit zwei Monaten mit Gewalt sich zurückgehalten, von der das. seit Monaten herrschenden Noth ihren Glaubensgenossen in Europa Kunde zu geben, weil sie hofften, daß der sehnlichst erwartete und unentbehrliche Regen, wenn auch spät, noch eintreffen und das bereits in allen Kreisen um sich gegriffene Elend mildern werde. Leider hat sich ihre Hoffnung nicht erfüllt; in Folge dieses ist eine schreckliche Theuerung in allen Lebensmitteln entstanden; Taufende unserer Glaubensgenossen sind außer Stande, das für ihre Familien nöthige Brod und Wasser zu den gegenwärtig hohen Preisen anzuschaffen. Angesichts dieser Nothlage bitten wir unsere geschätzten Leser auf's Dringendste, nach Kräften diesem Elende zu steuern durch ihre gütigen Gaben, die sie baldmöglich uns einsenden wollen, damit unsere Glaubensgenossen von dem bitteren Hunger befreit werden; namentlich ersuchen wir die Herren Rabbinen, Lehrer und Vorstände, das herannahende Purimfest zu benutzen, um in ihren Wirkungskreisen Sammlungen für dieselben zu veranstalten.