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Der Israelit · 1877-02-21 · Heft 8 (21.2.1877) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 8 (21.2.1877)
Date
1877-02-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
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179 der Ewige ist unser Gott! der Ewige ist ein einziges ewiges Wesen!" Laut wimmernd wand sich die unglückliche Mutter am Boden; mit unsäglicher Anstrengung strebte sie sich aufzurichten; doch umsonst, die Kräfte versagten ihr. sie brach wiederum zusammen. Der Knabe phantasirte fort und fort, noch lauter, noch wilder. Dina hörte es nicht, tiefe Ohnmacht hielt ihre Sinne umfangen. Als sie nach geraumer Zeit die Augen wieder aufschlug und es ihr nun endlich auch gelang, sich vom Boden zu erheben, da war der Paroxismus des Fiebers vorüber; ruhig, fest regungslos lag der Kranke da, dem Anschein nach schlummernd, in Wirklichkeit aber in schwerer Betäubung. Fast mechanisch, keines klaren Gedankens mächtig, neigte Dina sich über ihn, dann blickte sie suchend um sich her. Wo war ihr Gatte? — wo ihr jüngstes Kind? — wo die treue Dienerin, die sie selbst einst auf den Armen getragen? Erst allmählich kehrte die Erinnerung ihr wieder — fort, alle waren fort — und sie allein, ganz allein mit dem todtkranken Kinde. — Namenlose Angst erfaßte sie, fast unwillkürlich flüsterten ihre bleichen Lippen ein Gebet — doch in sich erschauernd hielt sie plötzlich inne — der Gedanke an das Entsetzliche, das ihr bevorstand, machte sie verstummen. — Die Nacht verging, Gabriel regte sich nicht. Bis zum Anbruch des Tages wich Dina nicht von seinem Bette. Sie war jetzt ruhig — es war die Ruhe der Verzweiflung. Im Zimmer war es kühl geworden; sie zündete Feuer an, bereitete einige leichte Speisen, die der Kranke beim Erwachen genießen sollte, und eilte dann zu einer armen Nachbarin, deren Tochter sie ersuchte, während ihrer Abwesenheit ihr Krankes Kind zu beaufsichtigen. Marie, ein gutmühiges junges Mädchen, die in dem Hause ihrer reicheren Nachbarn manche Wohlthat genossen, war gern bereit und versprach die Anweisungen, die Dina ihr ertheilte, getreulich zu befolgen. Die elfte Stunde nahte, da ertönte der dumpfe Klang der St. Michaelsglocke — das war das Zeichen, das die unglücklichen Juden zur Kirche rief. Ein heftiges Zittern hatte Dina befallen, die Füße versagten ihr fast den Dienst, doch sie ermannte sich. Es mußte ja sein — um ihres Kindes willen — was wäre ihr da unmöglich! — Noch einmal beugte sie sich über ihr Kind, noch einmal vernahm sie die Versicherung des mitleidigen jungen Mädchens, das kein Auge von dem Kranken zu verwenden versprach; dann eilte ste fort. Die Glocke der St. Michaelskirche läutete noch immer. Die Kirche war überfüllt, es war ja hoher Festtag heute und außerdem das hehre Schauspiel der Massentaufe von nahezu hundert Juden in Aussicht. Die bleichen entstellten Gesichter conftratirten seltsam mit den reichen Feierkleidern, die anzulegen sie sich gezwungen glaubten. War das eine Augenweide! j Die heilige Handlung war vorüber, die Kirche j war zu Ende. Die alten und die neuen Christen j eilten dem AuSgange zu, Dina unter ihnen. Doch! sie hatte ihren Kräften zu viel zugemuthet; sie I versagten, es wurde mit einem mal schwarz vor! ihren Augen, und nur das Gedränge der Menge , hielt sie aufrecht. Da arbeitete sich plötzlich ein! reich gekleideter Mann, der sie schon seit mehreren ■ Minuten beobachtet hatte, zu ihr hin, er umfaßte ihre Taille und trug sie seitwärts aus dem Gedränge. Schon nach wenigen Minuten wich der Schwindel, aber noch fühlte sie sich unfähig, den Heimweg anzutreten. . „Omurmelte sie. „O! Gabriel wird wach! sein und wird nach mir verlangen! —Mein Gott!! mein —". Sie stockte. — Wen sollte sie um Hilfe! anfl'hen, den Gott ihrer Väter, den sie soeben j verläugnet? — oder den, den ihre Lippen be-! kannt, den aber ihr Herz verläugnen mußte?! Mit seltsam erregten Blicken betrachtete der ' Mann, der sie aus dem Gedränge getragen hatte, das bleiche zuckende Antlitz des jungen Weibes. „Dina," sprach er endlich, „erkennst Du mich nicht?" Sie schaute zuihmauf: „Alexander", flüsterte sie tonlos. „Bist Du allein?" Sie neigte bejahend das Haupt. „Wo ist denn David?" „Fort mit unserm jüngsten Kind — ich bin geblieben, denn unser Gabriel ist schwerkrank."" Heller Freudenschimmer zeigte sich in dem Antlitz des Mannes, doch seine Worte drückten nur inniges Mitleiden aus. „Arme Dina, arme Mutter," sprach er leise. „Doch nun komm', ich geleite Dich heim. Stütz' Dich nur recht fest auf meinen Arm, draußen in der kalten Luft wird's Dir schon besser werden." Sie folgte seiner Aufforderung, erhob sich mühsam und lehnte sich auf seinen Arm. Er war ein starker, kräftiger Mann, und trug sie mehr, als daß er sie führte, aus der Kirche. Die klare reine Winterluft that ihr in Wirklichkeit wohl und bald hatte sie sich so weit erholt, daß sie ohne große Anstrengung an seiner Seite eiuherschritt. Sorgsam, wie eine Mutter ihr Kind, geleitete er sie, und beide eilten die Straßen entlang.

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