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Der Israelit · 1877-02-21 · Heft 8 (21.2.1877) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 8 (21.2.1877)
Date
1877-02-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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172 aufzuklären; haben sie denn so wenig Bildung und Menschenkenntniß, daß sie nicht einsehen, daß man verwerfliche und gewaltthätige Mittel niemals anwenden darf und um so weniger bei einer Sache, wo es sich um das höchste Gut der Menschheit handelt, und daß sie geradezu ihren Zweck verfehlen? Meinen denn jene Leute, daß sie nur das Wort Toleranz in den Mund nehmen dürfen und blinden Glauben finden werden, auch bei noch so intoleranter Handlungsweise? Glauben denn jene Herren, was sie im engeren Kreise thun, das werde nicht auch einmal in die Oeffentlichkeit dringen? Es gab eine Zeit, wo die christliche Welt sich über die scheinbare Annäherung des Judentbums freute und glaubte, der Jude würde nun Hand in Hand mit ihr gehen, alle Schranken fallen lassen und das Judenthum, das auch dem gebildeten Christen ein Greuel war — aus welchen Gründen, wissen wir nicht — würde verschwinden. Damals wurden den Bestrebungen der Reform Sympathien entgegengebracht, und was jene Herren gegen ihre altgläubigen Brüder und gegen jüdische Lehre und Bräuche sagten, fand Beifall und Ermunterung. Jene geizten nur nach diesem Beifall. War ja das, wie sie wähnten, das glänzendste Zeugniß ihres Fortschritts, ihrer Bildung und der erhöhten Achtung. Ob aber dieser Beifall jenen Herren selbst, oder aber bloß ihren Bestrebungen galt, wollen wir hier nicht näher untersuchen. Anders ist die Lage aber heute. Der denkende Christ, ganz besonders die wissenschaftliche christliche Welt, die endlich Interesse gewonnen hat am Judenthume, es, wenn auch nur aus wissenschaftlichen Gründen, zu verstehen sucht und deßhalb sich viel mit ihm beschäftigt, bekommt allmählich eine richtigere, selbstständige Anschauung des jüdischen Geistes, sieht im Judenthume Wahrheiten, in seinen Lehren und Gesetzen Schätze, die werth sind gekannt und bekannt zu werden. Von Tag zu Tag mehren sich die Stimmen, die dem jüdischen Gesetze beredtes Lob spenden. Die Anschuldigungen der Reformer werden nicht mehr blindlings hingenommen werden, und schließlich kann und wird die Folge all der Unwahrheiten und kühnen Behauptungen über die Altgläubigen und das jüdische Gesetz keine andere sein, als daß sie in ihrem wahren Lichte erscheinen, als Vorwände einer Partei, die eben als Feindin des jüdischen Gesetzes auftritt und hinter allen möglichen und unmöglichen Scheingründen und Anklagen ihre wahre Absicht zu verbergen sucht. Unsere Pflicht ist es aber, solche Thatsachen an's Licht zu ziehen, die so klar zeigen, wie in direktem Widerspruche Worte und Handlungen der Reformpartei sich verhalten, wie man immer von Toleranz und Humanität reden kann und bis zum höchsten Grade intolerant und inhuman handelt. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Bamberg, 28. Jan. Nach dem Bericht des Vorstandes der Centralstelle Bamberg zur Unterstützung durchreisender Israeliten hatte dieser Verein im Jahre 1876 eine Einnahme von 11,905 M. und eine Ausgabe von 11,614 M. Die Jahres- Statistik gibt folgendes Ergebniß: Im Jahre 1876 besuchten die Kassa 1544 Arme, was gegen 1875 einen Zuwachs von 410 Armen ausmacht. Die außergewöhnliche Frequenz der Sommermonate ist theilweise auf Rechnung der durch das anhaltend schöne Wetter angeregten Reiselust zu setzen; denn mit dem Eintritt des Herbstes ist der normale Zustand wieder eingetreten. Berlin, 26. Jan. Die preußischen Kreisbehörden u. s. w. sind auf höhere Anordnung veranlaßt worden, die Ortsbehörden zu beauftragen, bezüglich der am 10. stattgehabten Reichstagswahlen zu ermitteln und den Landräthen schleunigst anzuzeigen, wie viele in der Wählerliste verzeichneten Personen evangelisch, katholisch, jüdisch und dissidentisch sind. Die also gewonnenen Materialien sollen für die anzulegende Wahlftatistik verwendet werden. (Jsr. Wchsch.) Aus Thüringen, 4. Febr. Das Großherzogthum Weimar i,i einer der ersten deutschen Staaten, in welchen die Israeliten vollständig gleichgestellt worden sind. Wenn diese Gleichstellung sich bis jetzt noch nicht dadurch geltend gemacht hat, daß Israeliten Anstellung im Staatsdienste gefunden hätten, so liegt das sicher nicht an der Ungeneigtheit des Staates, diese Anstellung zu gewähren, als vielmehr an dem Mangel an isr. Aspiranten zu einer solchen. So viel wie bekannt ist, haben sich bisher im Großherzogthum nur drei Israeliten dem Studium gewidmet, und zwar dem juristischen, von diesen haben sich zwei in Eisenach und einer in Leipzig als Rechtsanwälte domicilirt. Dagegen ist die Gleichstellung wohl mehr als irgendwo dadurch volle Wahrheit geworden, daß sie vollständig ins Volksleben eingedrungen ist. Die sehr humane und vorurtheilsvolle Richtung der ober« Staats - Factoren hat wohl nirgends lebhaftern Anklang und Widerhall gefunden, als im Herzen des thüringischen Volkes. Die sprüchwörtlich gewor-

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