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Der Israelit · 1877-02-21 · Heft 8 (21.2.1877) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 8 (21.2.1877)
Date
1877-02-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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171 Toleranz. Man muß doch dem NichLjuden zeigen, daß man, wenn auch Jude, dennoch christliche Feste milfeiern könne, daß man Hochachtung für das Christenthum hege, weil man Jude ist. Ob wohl der toleranteste Christ deßhalb jüdische Feste mitfeiern würde» z. B. seine Kinder ein Chanukahlicht aus Toleranz anzünden ließe, um zu zeigen, daß er als Christ keine Verachtung gegen das Judenthum habe? Braucht man denn aus Toleranz seine Religion zu verleugnen, um die andere, zu der man sich doch nicht hekennt, dadurch anzuerkermen? Der tolerante Christ wird von dem Juden nichts Anderes aus Toleranz verlangen können, als daß er sich als Mensch gut und rechtschaffen aufführe. Ob er Jude ist, kann ihm gleichgiltig sein. Um jeden Preis für tolerant zu gelten, das ist die größte Intoleranz gegen sich selbst. Um in den Augen der christlichen Welt tolerant zu erscheinen, ist man gegen das Judenthum, gegen seine eigene Religion im höchsten Grade unduldsam. Beweis hiefür ist das Verfahren, das diese „gebildeten "Juden gegen ihre gesetzesgläubigen Brüder vom Anfang an bis auf den jetzigen Augenblick eingeschlagen haben und das, ich möchte sagen, als eine fanatische Intoleranz sich kennzeichnet. Zur Illustration will ich einige Fälle, die mir augenblicklich im Gedächtnisse sind, anführen: Der Reformvorstand der Stadt Frankfurt a. M. ließ das Studium des Talmud und der Bibel durch die Polizei verfolgen. Der Reformrabbiner I)r. Heß ließ Greise in die von ihm reformirte Synagoge mit Gens warmen transportiren. Ein anderer Reformrabbiner räth der Regierung, um eine sich gegen Einführung von Reformen stemmende Landgemeinde, der man deßhalb ihren L' hrc r, der dort 15 Jahre gewirkt und von der ganzen Gemeinde geliebt und verehrt wurde, genommen und abgesetzt hatte, zu maßregeln, „die Synagoge in . . . sofort zu schließen, die Thorarollen nach dem Kreisrabbinate zu schaffen und die Gemeinde zum Besuche der Synagoge in . , . (1 Stunde entfernt) anzuhalten". „Ich habe nicht nöthig, — bemerkt der Reformrabbiner, — einer hohen Regierung gegenüber die Erfahrung auszusprechen, daß als wirksames Mittel, widerspenstige Landjuden zum Gehorsam anzuhalten, von jeher sich der Polizeistock am geeignetsten erwiesen hat."i) Daß derartige Erziehungsmittel nach der modernen Pädagogik und den neuesten Gesetzen unzulässig sind, ist bekannt, denn man ist beute zu der Einsicht gekommen, daß Polizei und Prügel noch keine Beweise sind für die Wahrheit der durch j Polizeizwang und Stockstreiche vordemonstrirten Heilslehren. Dennoch sind auch die modernen Reformhelden von dieser Art Toleranz noch nicht abgekommen. Ueberall, wo in neuerer Zeit in Gemeinden religiöse Differenzen ausgebrochen, hat die Reformpartei derartige Toleranzmittel in Scene gesetzt und die Polizei oder die Regierungen angerufen, die Othodoxen in „Ausübung ihrer religiösen Functionen hindern zu wollen". Ja, man geht heute noch weiter. Da die immer mehr zu Recht und Anerkennung kommende Gewissensfreiheit auch den Gewissenszwang der Reformgemeinden gegenüber der orthodoxen Parteien aufhebt und dadurch die Reformer als die Träger des Fortschritts und der Bildung nicht mehr ausschließlicher Anerkennung sich zu erfreuen haben werden, ja, Gefahr laufen, durch fernere Gewaltmaßregeln gegen die Orthodoxen sich die entschiedene Mißbilligung der gebildeten Welt zuzuziehen; so entblodet man sich nicht, zu dem verwerflichsten Mittel zu greifen, das zu allen Zeiten von allen Völkern und Menschen als der niedrigsten eines immer gebrandmarkt wurde, nämlich zu dem Mittel der Angeberei und Anklägerei der eigenen Brüder und der eigenen Religion. Was in früheren Zeiten nur der gehässigste Feind des Judenthums gegen dasselbe und seine Bekenner aussprengte, das hat zum Theil schon von Anbeginn an die Reform übernommen und heute noch immer auf's Neue es hervorhebend. Man wirft offen den Bekennern des alten Judenthums staatsgefährliche, menschenfeindliche Tendenzen vor, begründet die Abschaffung vieler Gebete mit ihrem unmoralischen Inhalte, wie z. B. das „Kol Nidre", weil dasselbe, wie man vorgibt, uns erlaube, falsche Eide ic. zu leisten, während doch jedes Kind weiß, daß unser Gesetz so streng wie jedes andere Gesetz. ja vielleicht noch strenger, verbietet, eine derartige unmoralische Handlung, gegen wen immer es sei, zu begehen. Einzelne Bemerkungen einzelner Personen, die sich auf gewisse Vorkommnisse und Verhältnisse beziehen und durch sie hervorgerufen wurden, stellt man als Lehren und Behauptungen des JudenthumS hin, und das von Seiten derer, die sich die aufgeklärten, gebildeten Juden nennen. Selbst angenommen, daß die Reformjnden überzeugt sind, auf dem von ihnen eingeschlagenen Wege das Judenthum zu heben und ihm Achtung und Anerkennung zu verschaffen, und angenommen, daß es ihnen Ernst ist, dieser Ueberzeugung Eingang zu verschaffen und ihre Glaubensgenossen 1) Historisch; man sehe Jeschurun 1859.

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