Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1877)
- Date
- 1877-02-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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170 Sie beachtet das Größte und das Kleinste und findet in ihrem Kreise nichts zu gering. Sie pflegt daheim sorgsam die zarte Blume deS ehelichen Glücks. Sie wacht über Alle, die ihr angehören, mit freundlicher Theilnahme, und Jedem gehört sie ganz an, Jedem in anderer Art. Sie schmückt das Leben Aller mit einer täglichen Freude aus. In blühender Unschuld prangen die Kinder. Der enge Raum des väterlichen Hauses begrenzt die ganze Seligkeit ihrer Jugend. Ihr Bestes ist froher Gehorsam. Mit liebender Ehrfurcht hängen sie an den guten Eltern. Selbst die Diener gehören zum Kreise der Glücklichen. Sie sorgen mit treuer Anhänglichkeit für das Haus, das so aufmerksam für sie sorgt. Sie haben keine Herrschaft, nur neue Eltern. Alles, was die Familie erfreut, beglückt auch sie. Die wechselseitige Liebe verbreitet einen wunderbaren Glanz über die alltäglichsten Dinge und gibt auch dem Unwichtigsten Werth und Bedeutung. Wer da leidet, den umringen Alle mit sorgsamer Pflege, und das Glück dcs Einzelnen ist die große Angelegenheit Allcr. So ist häuslicher Friede ein Himmel; der Unfriede aber ist eine Hölle. Du, der Du den Frieden suchst, erwecke vor Allem die Gefühle der Religion in der Brust Deiner Angehörigen; sei selbst der Erste, dessen Wandel ein Beispiel der Uebrigen wird! Schone die Schwachheit, muntere die Jugend auf, verbanne die Launen, werde Allen Alles! Gründe die Eintracht auf gegenseitige Achtung; wo diese fehlt, herrschen die Zwietracht und der Zank. Behandle die Deinigen, selbst Deine Diener, mit gleicher Freundlichkeit und Würde im äußerlichen Betragen. Jeder Tadel, jede Forderung, jede Weigerung sei mit Schonung ausgedrückt, nie von niedriger Grobheit begleitet. Verletze nicht das Ehrgefühl und die Scham! Rotte alles gegenseitige Mißtrauen aus. Zutrauen erweckt Zutrauen. Hintergehe nie — auch selbst im Scherze nicht. Raube Deinen Kindern durch keine Uebereilung das Vertrauen zu Dir. Laß sie mit allen ihren Fehlern stets offenherzig gegen Dich sein. Ziehe nicht durch voreilige Strenge Heuchler heran. Sei in Allem der Erste, der unter den Hausgenossen allgemeine Liebe, inniges, gegenseitiges Vertrauen und das Glück der Eintracht befördert. (Fortsetzung folgt.) §ic Tolrraiy der sogenannten Reformer. Von Dr. H. Sänger. Wenn es irgendwo auf Erden Menschen gibt, die das Wort Toleranz so recht zu würdigen wissen , so sind es sicherlich wir Juden. Denn wir haben wie keine andere Nation es schwer und schmerzlich empfinden müssen, was es heißt, „geduldet", resp. nicht geduldet zu werden. Man sollte daher glauben, daß in unseren eigenen aufgeklärten Kreisen sich das Gefühl für Toleranz um so mehr eingewurzelt habe , als ja gerade der Geist der Zeit allüberall von Duldung, und besonders in Sachen des Gewissens, predigt. Doch, welch' frivoles Spiel wird mit diesem Worte getrieben! Aus Toleranz gegen sich selbst lebt man nach seiner Bequemlichkeit. Denn, so argumentirt der aufgeklärte Jude, wozu anders als zum Genüsse sind die Dinge geschaffen? Ich bin ja verpflichtet, für die Gesundheit und das Wohlbehagen des Körpers Sorge zu tragen. Daß ein solcher Grundsatz nicht einmal vor dem Forum der einfachen Vernunft stichhaltig ist, die noch einen höheren Genuß und ein höheres Ziel für den Menschen kennt, ist klar; nach unfern jüdischen Grundsätzen aber ist solche Argumentation einfach verwerflich. _ Aus Toleranz erzieht man die Kinder nach bloß allgemein geltender Anschauung und für den bloß gesellschaftlichen Beruf als Mensch, und läßt sie in der vollsten Unwissenheit über ihre weitere Aufgabe als Juden, obgleich sie doch auch einst dem Jud'enthume, der jüdischen Gesellschaft und Gemeinde angehören sollen. Selbst dasjenige. was nach toleranter Anschauung doch noch zumJudenthume gehört, seine reine Gottesanschauung, bleibt den Kindern verschlossen, da bei ihrer Erziehung Alles vermieden wird, was näheren Bezug auf die jüdische Religion hat. Mit ein Paar Morallehren wird die jüdisch-religiöse Erziehung als abgeschlossen betrachtet. Diese Toleranz tritt aber erst so recht in Helles Licht im Verkehre mit Nichtjuden. Der „gebildete" Jude sucht Alles zu vermeiden, was auf seine jüdische Abstammung hinführen könnte. Er zeigt sich so tolerant, daß er mit Nichtjuden auch nichtjüdische Feste und Ceremonien mitmacht, die fü ihn doch sicherlich gar keinen Werth haben, da er sich ja schämt, als Jude jüdische Feste und jüdische Ceremonien mitzumachen, weil sich das mit seinen fortgeschrittenen Anschauungen und seiner Vernunft nicht verträgt. Wie er diese Jnconsequenz rechtfertigen will, können wir nicht einsehen, auch wenn er seine Vernunft mit zu Hilfe nimmt. Freilich, er thut's nicht aus Vernunft, sondern aus — /