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Der Israelit · 1877-02-14 · Heft 7 (14.2.1877) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 7 (14.2.1877)
Date
1877-02-14
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Feuilleton. Aus Dem Mittklaltrr. Von Friedrich Rott. I. Kennst Du die schönste Au im schönen Vaterland? wo der Weinstock blüht, wo die Rebe glüht, wo des Stromes Silberwelle schaumend die lachenden Ufer umspielt? Stolze Dampfer brausen auf und nieder, schmucke Kähne kreuzen die Wogen, und auch an den Ufern überall Leben, frisches, reges, frohbewegteS Leben. Als wäre der Strom die Seele des Landes, die Alles belebt. Und doch auch dieser herrliche Strom hat seine düstere Chronik, und wer sie kennt, der schaut nimmer mit heiterem Blick in die glitzernde Fluth; wie Geisterstimmen schaUt's ihm empor, wie Todesröcheln und Klagegeschrei — Zum Paradiese schuf die Natur die gesegneten Fluren, doch Menschenwahn hat sie nur allzuoft mit Blut gedüngt — und nicht immer war es Wahn, gar häufig war es Neid nur und Habsucht, die den Wahn als Vorwand nützten. Die Kreuzzüge waren vorüber; doch die Leidenschaften, die sie entfesselt, gahrten fort. Leichter dämmt man drn rviloeften Strom in das schmälste Bett als die einmal entfesselten Leidenschaften der Menschen. Die Völker hatten Blut getrunken, und der Durst danach war im Trinken gewachsen. War es,doch so süß, im Blut der Ungläubigen zu schwelgen, und süßer noch ihre Habe als Beute. Zur Ehre Gottes hatte man der Sarazenen Schädel gespalten, zur Ehre Gottes machte man sich an die Juden. — Eine Judenverfolgung drängte die andere, und nirgends waren sie wilder, nirgends mörderischer als an den Ufern dieses herrlichen Stromes. Hart am Flusse, dort auf jenem Felsenhügel, der über das Master sich neigt, erhob sich einst ein tempelartiges Gebäude, es war Privateigenthum des Landesfürsten. DasLändchen, das jener Fürst regierte, war zwar klein, aber blühend und reich; doch des Landesherrn Gier war unersättlich, wie seine Sucht es zu verprassen. Was Wunder da, daß die Kaffen stets leer? Doch sie mußten sich füllen um jeden Preis. Da entwarf der Kammerherr des Fürsten einen großartigen Plan. Ungleich wohlhabender als die christliche Bevölkerung des Landes war die jüdische, denn mit mehr Eifer und Geschick lagen die Juden dem Handel ob und ihre Bedürfnisse waren geringer, ihr Leben mäßig. Wenn der Fürst ihre Reichthümer erlangen konnte, so war ihm geholfen für lange Zeit. ES war am zwanzigsten Dezember, die WeihnachtStage nahten, da verkündeten Herolde den jüdischen Einwohnern des Landes, daß des Fürsten Vaterhuld länger es nicht dulden könne, daß in seines Landes Grenzen Nachkömmlinge der Heilandsmörder ihrem alten Unglauben fröhnten. Am ersten Weihnachlstage sollten sämmtliche Juden des Landes die Taufe empfangen; wer es vermeiden wolle, müsse unerbittlich vor der Mitternachtsstunde des vierundzwanzigsten das Land verlassen haben mit Zurücklassung sammtlicher Habe. Das war die Hauptsache. Man rechnete auf den Glaubenseiser, auf die Opferwilligkeit der Juden, die es ja schon so oft gezeigt, daß ihre Religion ihnen höher gilt, als alle Schätze, als selbst das Lebcn; und man hatte sich in Wirklichkeit nicht verrechnet. Herzzerreißend war der Jammer der Unglücklichen, die in strengster Winterkälte Hab und Gut und Heimath verlassen mußten. — Und dennoch thaten eS die Meisten ohne Zaudern. — Alle freilich thaten es nicht; zu allen Zeiten gab es Juden, die den schweren Prüfungen erlagen. — Manchen war sie doppelt schwer. Es war am Abend des vierundzwanzigsten Dezember. Wild heulte der Sturm durch die verödeten Gassen; wer nicht ba^a gezwungen war, wagte sich in diesem Wetter nicht hinaus. Es war noch nicht spät, doch die Nacht war längst hereingebrochen. Ein junges Mädchen wachte am Krankenbette des Vaters; leise, um den Schlummernden nicht zu stören, erhob sie sich und legte noch einige Scheiter auf die glimmenden Kohlen im Kamin. Prasselnd schlug die Flamme in die Höhe und beleuchtete wie mit magischem Schein das holde Antlitz des Mädchens. Sie war schön, wunderbar schön, eine hohe elastische Gestalt, und wenn auch der Kummer der jüngsten Zeit die Rosen ihrer Wangen gebleicht, ihrer Schönheit hatte dies keinen Eintrag gethan; das Feuer ihrer Augen war nicht matter geworden. Aber der Ausdruck ihrer Züge war tief traurig. Schmerzlich bebten ihre rosigen Lippen, und als sie sich jetzt über den Kranken neigte, entglitt eine Thräne ihrem Auge. „Leah! Leah!" rief eine Kinderstimme. Hastig, doch lautlos eilte sie zum andern Ende des Zimmers. „S'st mein Liebling, 'st, der Vater schläft; wir dürfen ihn nicht wecken." „„Aber ich fürcht' mich, Leah, der Wind bläst so jaut, da, hörst Du's, hörst Du's""

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