Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1877)
- Date
- 1877-02-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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151 stück des Amtmann Reichert in der Bakenstraße in Halberstadt angekauft und der Grundstein zu der neuen Synagoge gelegt wurde; auch hatte er einen Vertrag mit einem Buchdrucker in Frankfurt an der Oder abgeschlossen und den Druck des Talmud beginnen lassen. Aber er war noch in anderer Weise für die Hebung der israelitischen Gemeinde seiner Vaterstadt besorgt gewesen. Um eine Gemeinde groß zu machen, dazu gehört vor allen Dingen ein tüchtiger Rabbiner, der in der Gotteslehre forscht und sie lehrt, der Schüler um sich sammelt, der^ dazu beiträgt, daß die Thora nicht unbenützt im Winkel liege, sondern daß sie lebe im Munde und im Herzen der Israeliten, damit ihre heiligen Vorschriften befolgt werden. Rabbi Bärmänn trachtete danach, den vacanten Rabbinerposten mit einem bedeutenden Manne zu besetzen. Ein solcher war Rabbi Jakob Cohen, Verfasser des berühmten Buches, „Scheb Jakob", der in der jüdischen literarischen Welt unter dem Namen „Maharich"*) bekannt ist. Rabbi Bärmann war selbst nach Coblenz, dem damaligen Sitze des Rabbinen, gereist, um ihn für Halberftadt zu gewinnen. Es gelang ihm das auch; Rabbi Jakob Cohen verließ mit seiner Familie Coblenz, um sich nach Halberftadt zu begeben, wo man in großer Freude über diese glänzende Acquisition die umfassendsten Vorbereitungen zum Empfange des großen Mannes traf. Zur selben Zeit aber sandte die große- und weltberühmte israelitische Gemeinde zu Frankfurt am Main (ine Deputation nach Coblenz. um Rabbi Jakob Cohen den Rabbinerposten von Frankrurt zu übertragen. Die Deputation traf den Rabbiner nicht mehr in Coblenz; sie reiste ihm nach und holte ihn — das Reisen ging damals, namentlich wenn man Familie und viel Gepäck bei sich hatte, sehr langsam — in Hessen-Cassel ein. Die Frankfurter ließen sich zuerst von ihrem Aufträge nichts merken. Nach den ersten Begrüßungen sprach der Führer der Deputation: „Es wundert mich sehr, daß der Rabbi nach Halberstadt gehen will." „„Warum wundert Euch das?"" fragte der Rabbi. „O, dieses Halberftadt liegt am Muße des Harzes in einer fürchterlich kalten Gegend. Rauhe, kalte Stürme herrschen dort, so kalt, daß die Vögel aus der Luft herniederfallen. Der Schnee liegt oft wochenlang Mannshoch, so daß kein Mensch vor die Thüre gehen kann. Wer dennoch Wch *) Anfangsbuchstaben seines Namens; MvrkNu^Horaw Jakauw Chauhen. hinauswagt, kann von Glück sagen, wenn er nicht mit erfrorenen Ohren heimkommt. Wer dort geboren ist, kann es leich ertragen; ein Süddeutscher aber, der in diesem rauhen Klima wohnen muß, dessen Gesundheit ist in Gefahr. Selbst im Sommer ist es nicht warm dort; gibt es einmal einige erträgliche Tage, so zieht von dem Gebirge ein schweres Gewitter herbei, rntladet sich mit furchtbarer Wuth, und dann regnet's acht oder vierzehn Tage ununterbrochen, so daß man sich eher noch den. Winter gefallen läßt. Kurz, in Halberstadt dauert der Winter sieben Monate, und während der andern fünf Monate ist es kalt." „»Das ist ja schrecklich! O, was soll ich beginnen? ich habe eine so zarte, leicht der Erkältung ausgesetzte Constitution. Wäre ich doch in Coblenz geblieben! Jetzt habe ich Coblenz aufgegeben, um in Halberstadt, Gott verhüte eS, meine Gesundheit auf's Spiel zu fetzen!"" „Ich wüßte Euch einen Rath, Rabbi. Wir brauchen in Frankfurt einen Rabbiner. In Frankfurt ist das Klima mil) und gut. Doch, Ihr kennt ja Frankfurt, habt Ihr doch Eure Jugend in Hanau verlebt, wo Euer Vater, gesegneten Andenkens, Rabbiner war/' „„Gern ginge ich mit Euch nach Frankfurt; aber Rabbi Bärmann in Halberstadt hat meine feste Zusage."" „Soll ich dem Rabbi erst sagen, daß einer etwaigen Lebensgefahr gegenüber alle andere Rücksichten zurücktreten müssen? Warum hat Euch Rabbi Bärmann nicht gesagt, daß in Halberftadt ein so rauhes Klima herrscht? Es ist seine Schuld, wenn Ihr ihm das gegebene Wort nicht halten könnt!" Das war allerdings ein triftiges Argument; der Rabbi gab, nach und im Triumphe brachte die Deputation den erwählten Rabbinen nach Frankfurt. — In Halberstadt harrte man unterdeß seiner Ankunft vergebens; statt seiner kam ein Brief, der die Erwägungen enthielt, die den, Rabbi veranlaßt hatten, die gegebene Zusage nicht zu halten. Da herrschte große Betrübniß in Halberstadt. Den Rabbi entschuldigte man, aber gegen die Frankfurter war man erzürnt, die das Klima in Halberstadt in so übertriebener Weise geschildert hatten. Man beschloß, die Frankfurter dafür zu bestrafen, soweit es in der Macht der Halberstädter stand. Es wurde zum Beschluß erhoben und ins Gemeindebuch eingetragen, daß man künftig nicht mehr Waaren für das Peßachfest und Ethrogim für das Hüttenfeft von Frankfurt beziehen wolle. Dadurch hatte man nun allerdings dem Zorne und der Entrüstung gegen Frankfurt Luft gemacht»