Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1877)
- Date
- 1877-02-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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149 ES ist nicht unsere Aufgabe, deutsche Verhältnisse mit ungarischen zu vergleichen, doch will es uns scheinen, daß die magyarischen Orthodoxen durch die bekannten Reichstagsbeschlüsse in Wirklichkeit bedeutend mehr gewonnen haben, als die deutschen durch das LaSker'sche Gesetz. Und die Ursache? Die Orthodoxie Ungarns ist, abgerechnet von den Chassidäern, die aber, wo cs sich um religiöse Bestimmungen handelt, sich wohl hüten, vom Schulchan-Aruch abzuweichen, stets einig und weiß was sie will, die Gemeindeglieder selbst sind größtentheils talmudisch gebildet und geben viel auf rabbinische Autoritäten, während in Deutschland die große Masse dem Talmud entfremdet ist, und will uns scheinen, daß gerade die Orthodoxen am meisten einen Bruch mit den Neologen fürchten. Und doch liefert Miskolcz den Beweis, was Ausdauer vermag, wenn es den Führern ernst ist. Mehr als einmal fanden wir die Vertreter beider Parteien bei den ersten Rabbinen des Landes, doch so lange die Neologen auch nur ein Pünktchen verweigerten, beharrten die Orthodoxen auf Scheidung, die sie denn auch vollzogen und als die neologe Muttergemeinde den Orthodoxen in Allem nachgegeben hatte, kam nach Jahren die Vereinigung zu Stande, und heute ist Miskolcz eine orthodoxe Gemeinde. In Abanj-Szäntü, einem Marktflecken im Abanjer Comitate, wirkt dermalen Herr L. Lipschütz als Oberrabbiner, bis vor Kurzem ein eifriges Mitglied der orthodoxen Canzlei in Buda- Pest. Das Dampfroß führte uns nach Budapest, der Hauptstadt des Landes. Wenn Deutschland in den großen Städten seine Coryphäen hat, so sollte man auch in Ungarn in Buda- Pest den Mittelpunkt des religiösen Lebens erwarten. Dem ist nicht so. Das orthodoxe Leben pulsirt zwar stark in der Hauptstadt des Landes und vieles Schöne ist schon geschehen von der autonomen orthodoxen Gemeinde in Budapest, doch will es uns scheinen, als feien hier die Elemente zu verschieden, um nach einem Ziele hinzusteuern. Wir erinnern uns noch alle jener Zeit, wo die autonome orthodoxe Gemeinde damit umging, einen Rabbinen in der Hauptstadt anzustellen. Als aber Rabb. Hillel erschien und ernstlich daran dachte, Landrabdiner in der Metropole des Reiches zu werden, ging ein Zittern durch das Land und die Edelsten der Gemeinde mußten alles aufbieten, die Wahl zu hintertrriben. Später gingdiesunge Gemeinde daran, eine Schule ins Leben zu rufen, doch auch dieses Project ruht. Mehr Thätigkeit entwickelt schon die Kanzlei der orthodoxen autonomen Durchführungscommission, die seit Jahren ähnliche Functionen für die Orthodoxen des Landes versieht, wie die neologe Kanzlei für die Congreßgemeinden. Da ist es vor allen Schule und Synagoge, welche durch ihre Hand gehen und wenn auch seinerzeit die Orthodoxie Ungarns sich für Simultanschulen ausgesprochen hat, so wird'doch alljährlich eine große Summe durch Vermittelung der aut. orthodoren Durchführungscommifsion für confessionelle Schulen aus dem Landesschulfonde bewilligt. Da wir einmal von Schulen sprechen, so ist es von Jntereffe, des israelitischen Schulwesens des Landes zu gedenken. Während wir in Deutschland bedeutende isr. Lehranstalten antreffen, finden wir in Ungarn größtentheils dort, wo confessionelle Anstalten bestehen. Elementarschulen, die nach der Schülerzahl 4, 5 bis 6klassig sind. Israelitische Real- und Bürgerschulen erster Klaffe nach Analogie der preußischen, finden wir in Ungarn nirgends. Budapest selbst erhalt 3 confessionelle israelitische öffentliche Lehranstalten; eine Knabenschule, eine Lehrerbildungsanstalt und eine Mädchenschule. Der Religionsunterricht an den Gymnasien und Realschulen befindet sich einzig und allein in Händen der Neologen. Man geht eben von der Ansicht aus, daß die große Mehrzahl unserer Gymnasialu.Nealfchuljugend israelitischer Confession unreligiös erzogen wttd und findet darum jeden Aufwand an Zeit für Religionsunterricht seitens unserer Orthodoxen für verloren. Nach unserer Erfahrung sollte für israelitische Schüler an den höheren Lehranstalten einmal wöchentlich jüdische Geschichte vorgetragen und auf Religionslehre keine Minute Zeit verwendet worden. Die Bibel im Urtexte sei außerdem das Buch, aus der unsere Jugend sich labe und sollte in der 2. Stunde wöchentlich nur Bibel gelehrt werden. Oberlehrer I. I. Rosenmeyer. Nicolsburg (Mahren). In Bezug auf die Erklärung des Herrn Rabb. vr. Feuchtwang in Nr. 4 dieser Blätter habe ich zu bemerken, daß es allerdings ein Jrrthum meinerseits war, da ich von einer „Wiederverheirathung" sprach. An der Sache selbst ändert dies jedoch nichts, da die Mißstände, von denen Herr vr. F. spricht, theils nicht so erwiesen, theils auch in anderer Weise hätten beseitigt werden können. Daraus, daß Herr Rabbinatsassessor M. L. Cohn seine Zustimmung verweigert, hätte Herr Rabb. Dr. F. Anlaß nehmen sollen, die Beurtheilung bewährter talmudischer Autoritäten einzuholen, wie dies von jeher Sitte