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Der Israelit · 1877-02-07 · Heft 6 (7.2.1877) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 6 (7.2.1877)
Date
1877-02-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
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geöffneten Schlage, rasch vor dem Einsteigen die Cigarre zu Ende zu rauchen. Heiter plauderte er mit Frau und Kind, als der Ausdruck feiner Züge sich plötzlich veränderte; seine Hand zitterte, als er den Hut zog, den Gruß eines Vorübergehenden zu erwiedern. „Komm herein, Anton," bat Helene, „das Stehen scheint Dich anzustrengen". Er folgte ihrer Aufforderung und warf die Thür des Coupee's ins Schloß.' „Wen grüßtest Du da so eben?" fragte Helene. „„Einen Geschäftsfreund,"" erwiederte er kurz, ohne ihrem Blicke zu begegnen. „„Aber die Sonne blendet hier unerträglich, wenn Du nichts dagegen hast, lasse ich das Rouleaux herunter."" Er that es und setzte sich ihr zur Seite und legte, wie er es so gern that, seine Hand in die seiner Frau. Aber seine Hand bebte und Helene fürchtete sehr, daß das Reisen ihn doch mehr anstrenge, als er zugeben wollen Er lachte ihrer Besorgniß, doch die Besorgniß selbst schien ihm unendlich wohl zu thun und bald hatte sich seine Erregung vollständig verloren. Der Zug hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. Ruhig schlummernd lag die kleine Frida, das Köpfchen auf der Wärterin Schooß; lächelnd sHaute Helene in das wunderliebliche Antlitz des Kindes und lauschte freundlich den Plänen des hoffnungsreichen Mannes, die dieser für den Aufenthalt im Bade und für noch weiter hinaus entwarf. Doch die Conversation im Waggon ist oft anstrengend, auch der Commerzienrath ermüdete und schlummerte ein. Er hielt noch im Schlafe Helenens Hand und auch sein Haupt sank bald auf ihre Schulter. Nicht ohne Anstrengung hielt Helene sich aufrecht, aber sie fürchtete seine Muhe zu unterbrechen, und so gern sie sich erhoben hätte, hielt sie doch ruhig aus au seiner Seite. Plötzlich war es ihr, als nähme das Rasseln der Räder einen ganz anderen Ton an; im selben Moment durchzitterte ein Schreckensruf von mehr als hundert Stimmen die Luft, ein furchtbares Krachen folgte, Helene fühlte sich von ihrem Sitz emporgeschleudert, durch die Hand ihres Mannes jedoch wieder zurückgezogen; sie hörte den Angstschrei ihres Kindes, doch nur einen Moment, dann verließ sie das Bewußtsein. Ein grauenvoller Anblick bot sich den Blicken, der Zug war entgleist, vier Waggons lagen in Trümmern, die übrigen waren wie durch ein Wunder unversehrt geblieben. Ein Glück war es auch, Daß drei der Waggons nur Güter enthielten, doch der vierte war ein Personenwagen; in ihm befand sich unter Andern auch der Commerzienrath Mühlheim mit seiner Familie. / Aus allen Coupee's stürzten die dem Tode entronnenen Passagiere; es war ein Durcheinanderrufen und Schreien; nur mit Mühe konnte Einer dem Andern sich verständlich machen. Alles eilte j dem Trümmerhaufen zu, und als sie die Massen j der Kisten erblickten, wähnten viele, daß nur i Güterwagen zertrümmert. Doch ein Herr, mit bleichem entstellten Antlitz, der die Reihe der unversehrt gebliebenen Waggons bereits gemustert hatte, schrie voll Entsetzen, daß ein Personenwagen fehle, in dem ein Coupee erster Classe sich befinde. Das Zugspersonal bestätigte diese Angabe und tiefes Grauen erfaßte die Umstehenden, die unter den Trümmern verunglückte Menschen vermuthen mußten. Für einen Moment verstummte das Durcheinanderschreien und erst jetzt vernahm man Stimmen und Stöhnen, das tief unten aus den Trümmern hervorzudringen schien, denn die Wagen hatten sich gestaut und über dem zertrümmerten Personenwagen thürmten sich zwei Güterwagen. Alle Männer unter den Passagieren eilten, vereint mit dem Zugpersonale den Verunglückten zu helfen. Man begann die auf dem Personenwagen liegenden Kisten hinwegzuräumen, um so zu den Verunglückten zu dringen. Doch Derjenige, der zuerst darauf aufmerksam gemacht, daß Menschen verunglückt, dessen Auge schien durch ein unnennbares Etwas geschärft; mit einer Kraft, die man der feinen Gestalt des elegant gekleideten Herrn kaum zugetraut, schob er zwei ungeheure Kisten von ihrem Platze und mm erst war ein Theil des zerschellten Personenwagens sichtbar, mit vereinten Kräften ward in verhältnismäßig kurzer Zeit der zertrümmerte Wagen frei gemacht, die vielfach zerschellte Decke abgehoben und nun endlich gelangte man zu den Verunglückten. Es war ein Anblick, der das Blut erstarren machte. Zehn furchtbar verstümmelte Leichen zog man aus den Trümmern hervor, eben so viele theils leichter theils schwer Verwundete; sechs Personen waren durch ein wirkliches Wunder unverletzt geblieben. Werner, denn er war es, der zuerst auf die furchtbare Größe des Unglücks aufmerksam gemacht hatte, drängte sich zu dem Coupee erster Classe, in dem er die Familie Mühlheim wußte. Er hatte kein Wort wieder gesprochen, aber gearbeitet hatte er mehr als der stärkste Arbeiter und über sein todtenblaffes Antlitz rann der Schweiß hernieder. Jetzt endlich hatte er das erwähnte Coupee erreicht und es mit Hilfe einiger Andern möglichst frei gemacht; ein weinendes Kind streckte ihm die Arme entgegen, aber er konnte es nicht sogleich nehmen, die Leiche seiner Wärterin lag auf ihm. Er schob die Leiche zurück, hob das Kind vom

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