Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1877)
- Date
- 1877-02-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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123 Boden und «bergab es einem der Anwesenden; er selbst wandte sich der andern Gruppe zu, dem Commerzienrath und seiner Gattin; er neigte sich über Helene, sie war leichenblaß und hatte die Augen geschlossen, aber sie athmete; ihr Gesicht war nicht von Schmerz entstellt, sie schien unverletzt. „Gott sei Dans!" flüsterte Werner und wandte sich zu ihrem Manne, der mit Blut bedeckt, allem Anschein nach schwer verwundet dalag, anfangs hielt er auch ihn für ohnmächtig, doch als er versuchte, mit Hilfe einiger Anderer ihn vom Boden zu heben, da schlug der Commerzienrath die Augen auf. „Meine Frau," stammelte er, „helfen Sie zuerst ihr, ich bitte." „„Seien Sie unbesorgt,"" erwiederte Werner, tief ergriffen von dem Unglücklichen, der trotz der entsetzlichsten Schmerzen doch vor Allem der Gattin gedachte, er hatte diese Selbstlosigkeit dem Manne nimmer zugetraut. „ „seien Sie unbesorgt, Ihre Frau scheint nicht verwundet, scheint durch den Schrecken nur ohnmächtig zu sein und auch Ihr Kind ist unversehrt." Ein glückliches Lächeln zuckte um die bleichen Lippen des Verwundeten, der die Augen wieder geschlossen. Werner übergab ihn einem der beiden Äerzte, die durch einen glücklichen Zufall unter den Passagieren sich befanden, und sich nun um die Verwundeten bemühten; er selbst eilte zurück zu Helene, die bereits von andern aus den Trümmern gehoben, nun auf weichem Rasen lag. Einige Frauen knieten neben ihr und suchten durch Waschen und Reiben sie zum Leben zu erwecken. Es währte lange, bevor sie zu sich kam. Werner führte die kleine Frida, die sich inzwischen vollständig beruhigt hatte, zur Mutter. „Mama, Mama!" rief die Kleine und warf sich neben sie auf den Rasen und b deckte ihr Antlitz mit ihren Küssen, „wach' auf, Mama!" Und die Stimme des Kindes schien die Ohnmacht zu verscheuchen; Helene regte sich, öffnete die Augen und schaute erstaunt um sich. „Wo bin ich?" fragte sie. „„Auf der Landstraße in der Nähe von L."", erwiederte eine ihrer freundlichen Helferinnen- „ „Der Zug ist entgleist aber, Gott sei Dank, Sie und Ihr liebes Kind sind gerettet."" Wortlos drückte die Gerettete das jauchzende Kind an ihre Brust; da fiel ihr Blick auf den ihr gegenüberstehenden Werner und dunkle Rothe überzog im Moment ihr Angesicht, doch im Nächsten hatte sie diese Regung bereits überwunden. „Wo ist mein Mann?" stammelte sie, „um Gotteswillen, wo ist er? was ist mit ihm geschehen?" Die Frauen wußten es nicht, aber Werner trat hinzu und theilte ihr in schonendster Weise mit, daß der Commerzienrath verwundet. Im Nu hatte Helene sich erhoben. „Wo rst er? mein Gott, wo ist er?" „Wenn Sie erlauben, werde ich Sie zu ihm geleiten." Er führte die Schwankende hinüber auf die andere Seite, wo der Arzt noch um den Verwundeten beschäftigt war. Doch sobald Helene des Gatten ansichtig ward, zog sie die Hand ous Werners Arm. „Bleiben Sie zurück," flüsterte sie, „Ihr Anblick könnte ihn erregen" und rasch eilte sie an bie Seite ihres Mannes, der mit geschlossenen Augen dalag. „Anton!" rief sie, „mein lieber guter Anton!" und eine Thräne fiel auf seine Stirn. Er schlug die Augen auf. sein Blick fiel auf sie voll unaussprechlicher Liebe. „Gott sei Dank, Helene, daß Du gerettet bist." „ „Aber Du, Anton, hast Du große Schmerzen?" " „Es wird bald vorüber sein", murmelte er vor Schmerz stöhnend. Angstvoll blickte Helene auf den Arzt; er zuckte die Achseln und schaute seitwärts. Sie neigte sich über den Leidenden und suchte nach Kräften ihm Erleichterung zu verschaffen; er lohnte ihre Bemühungen, indem er ein Lächeln erzwang. „Dank mein theures Weib, Dank'? — Das Sprechen schien ihm schwerer und schwerer zu werden. „Kann ich denn gar nichts für Dich thun, Anton?" fragte Helene mit bebender Stimme. „„Dank/'" wiederholte er. Plötzlich schien ein Gedanke ihn zu erfassen, nochmals öffnete er die Augen: „„Werner"" stammelte er, „ „er war hier, — wo ist er?"" Helene winkte dem seitwärts Stehenden, er trat zu dem Sterbenden und berührte seine Hand. „Hier bin ich, Herr Commerzienrath, was wünschen Sie?" Der Commerzienrath bewegte die Lippen; doch was er sprach, war unverständlich. Werner neigte sich tief zu ihm hinunter und ersuchte ihn, seine Worte zu wiederholen. Der Sterbende hielt die Hand seiner Gattin und ergriff die des jungen Mannes und legte beide ineinander. „Sie ist Jüdin geworden," sprach er lallend, „es ist fein Hinderniß mehr vorhanden." Wenige Minuten darauf hatte er ausgelitten. In der nächsten Nummer werden wir mit der Veröffentlichung einer neuen Erzählung von Friedrich R o t t. Mus dem Mittelalter" beginnen.