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Der Israelit · 1877-02-07 · Heft 6 (7.2.1877) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 6 (7.2.1877)
Date
1877-02-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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gesetzt Ijat, um so auf kürzestem Wege zu belehren, indem er seine Ansichten verkörperte. Es sind Begriffe, nicht Menschen. die er darstellt, aber d.m guten Zwecke zuliebe wollen wir das nicht rügen. Es käme jetzt nur noch auf eine Prüfung dieser Begriffe an. Der Verfasser sieht alle Menschen in hochherzigster Verbrüderung für das Vaterland kämpfen und im Frieden seine Begeisterung kundthun. Er hat ihnen aber das Glaubensgepräge so genommen, daß sie, dessen ganz entkleidet, nicht Juden, Katholiken und Evangelische, sondern Menschen sind. Wir wollen cs gar nicht als einen ungeheueren unkünstleiischen Mißgriff dem Verfasser anrechnen, daß er seine Geistlichen in einer Art auftreten läßt, wie man es von den gleichgültigsten „Aufgeklärten" nickt gewöhnt ist. Wo traf es sich bisher, daß ein Rabbi, welcher Farbe er auch sei, die Hand seines Sohnes ruhig und freudig in die Hand einer Andersgläubigen gelegt hätte? daß er diesem äußersten Schritt nicht den heftigsten Widerstand leistete? Daß die von Seiten der christlich-frommen Mutter des Mädchens entgegengesetzten Bedenken gegen den jüdischen Schwiegersohn von der Pfarrerin widerlegt worden, ist eben so neu, wie die gleichen Bemühungen des katholischen Geistlichen. Wir wollen das unwahrscheinliche nicht tadeln — aus angegebenen Gründen — ist es aber gerechtfertigt, daß in solchem Verhältnisse der Bekenntnisse zu einander der Verfasser das Heil der Zukunft findet? Wird nicht mit dem Aufgeben dieser Eigenlhümlichkeiten der Bestand jedes Glaubens in Frage gestellt? Denn der Verfasser wird uns doch zugeben, daß dann zuletzt nur noch der Name den Christen und den Juden als Bekenner gewisser Satzungen kennzeichnen werden. Verschmelzung mit einander ist Vernichtung — dafür bittet die Geschichte tausend Beispiele. Der Verfasser ist in großem Jrrthum, wenn ihm der Bestand von Glaubensgenossenschaften so gleichgültig ist, wenn er glaubt, der sittliche. Inhalt der Bekenntnisse könne der Welt erhalten bleiben obne die eigentlichen Gebräuche, die das Gefäß desselben ausmachen. Wenn die Erzählung uns Hinwegsetzung über sogenannte Aeußerl'chkeiten predigt, so werden uns damit die Stützen unseres, reinmenschlich'sittlichen Lebens geraubt, woran uns jene Zeichen stets erinnern. Sind die Aeußerlichkeiten deshalb des Innerlichen wegen nicht nothwendig? Steht der Lahrer deshalb nicht auf einem gefährlichen Standpunkt, womit er den Bestand des Glaubens überhaupt absichtslos untergräbt? Soll der Rabbi nun seinem Sohne die Liebe zur Christin aus dem Herzen reißen? Hieße das nicht, dem menschlichen Gefühle Gewalt anthun? so könnte der Verfasser uns fragen. Wie würde er antworten, wenn die Liebe mit den Forderungen des Vaterlandes im Widerspruche stünde? Nun, er muß sie aus dem Herzen verbannen, denn das Vaterland ist mehr, als seine Liebe. Diesen Schluß würde der Verfasser als Deutscher nicht für unberechtigte Unterdrückung natürlicher Regungen ansehen, und sollte sich dieser Satz nicht auch anwenden lassen, wenn die Liebe den Bestand des Glaubens gefährden könnte? Aber durch das Festhalten an Eigenthümlichkeiten des Herkommens wird ein wahrhaft einheitliches Zusammenwirken der Menschheit unmöglich gemacht, könnte man mir einwerfen. Wirklich? Woran hindern uns denn unsere, wie schon erwiesen, nothwendigen Eigentümlichkeiten? Welche große Thaten für's Vaterland und für die Menschheit sind uns durch sie versagt? Wir dürfen nicht an den christlichen Festessen theilnehmen, deshalb wird uns allerdings die Vaterlandsliebe mangeln, die sich, sehr wohlfeil erlangt, beim Weinglase kundgibt. Aber der Opfermuth auf dem Schlachtfelde, oder die wahrhafte Begeisterung im Frieden, die weniger Redensarten, aber desto mehr Thaten verlangt, dasjenige, worauf es am meisten ankommt, gebietet uns da unsere Religion, zurückzustehen? O nein! Wirken für das Wohl des Staates und der Meuschheit ist ein Hauptgrundsatz des strengen Judenthums und wird gerade der gefetzestreue im edlen Ringen für's Vaterland vornan stehen. Dieses Weltbürgerthum, weiter ausgebildet, könnte zuletzt nicht nur die Scheidung der Meuschheit in Glaubensbekenner, sondern auch in Bürger verschiedener Staaten als unberechtigt hinstelleu, in weiteren Folgungen also beweisen, daß Vaterlandsliebe ein Haupthinderniß für die Verbrüderung der Menschheit ist, ähnlich wie das Gefühl für die eigene Religion. Dann wäre der Vaterlandslose in ähnlicher Artvorurtheilsfrei, wie der, der sich über die Aeußerlichkeiten des Glaubens hinwegsetzt. So erkennen wir die Berechtigung freiheitlicher Bestrebungen an, müssen uns' aber feierlich gegen solche Mittel verwahren, die die Grundveste der Menschheit erschüttern könnten. L o uis Rosenthal.

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